Gedanken über Prädestination im Calvin-Jahr

Ich lese im Moment das erste Buch von Calvins Institutio. Die ersten 15 Kapitel gefielen mir eigentlich sehr gut. Das Meiste gehört in die Kategorie ‚basic christian doctrine‘. Dabei stellt er seinen Standpunkt (den biblischen Standpunkt) allerdings manchmal – für meinen Geschmack zu häufig – vor Allem durch Abgrenzung zu bestimmten ‚Irrlehrern‘ dar. Obwohl ich ihm inhaltlich (in den ersten 15 Kapiteln) oft zustimme, finde ich seine Argumentation manchmal enttäuschend. In einigen Fällen findet man mehr Polemik als hammerharte Herleitungen aus der Bibel. …aber vielleicht liegt das Alles auch an der Zeit, in der er das Werk verfasste.

Passend dazu, dass ich mich jetzt den letzten 3 Kapiteln dieses Buches widmen darf, hatte ich vor Kurzem ein gutes Gespräch über die Prädestinationslehre. Und jetzt dachte ich, dass ich einige Gedanken dazu mal – passend zum Calvin-Jahr – veröffentlichen könnte…

Wenn es keinen stört, würde ich die Prädestination mal auf ein verbraucherfreundliches ‚Die Lehre, dass Gott uns erwählt hat, bevor wir ihn erwählen konnten.‘ runterreduzieren. Weil Gott ja aktiv, lenkend, steuernd hinter absolut allem steht, was im Universum geschieht, und es dabei, so Calvins Standpunkt, keinen Zufall gibt, steht er auch aktiv, lenkend und steuernd hinter meiner Hinwendung zu ihm.

Seine Argumentation halte ich für relativ schwach. Er führt eigentlich hauptsächlich poetische Aussagen aus den Psalmen an, oder nimmt Beispiele von Gottes spezifischem Eingreifen für sein Volk. Dann fügt er aber hinzu, dass man eben nicht denken soll, dass es sich dabei nur um besondere Einzelfälle handelt. Darüber, wie regulierend Gott die Abläufe der Welt regiert gibt es in der Bibel meines Erachtens nach keine konkreten Angaben. Auch halte ich von Gott eingebaute Freiräume weder für einen Widerspruch seiner Regentschaft, noch schmälert es seine Ehre. (Dave Guzik’s Kommentar zu der Aussage, dass Gott nach dieser Lehre die meiste Ehre bekommt: „Says who?“)

Natürlich ist es eine klare Aussage der Bibel, dass Gott uns vor Grundlegung der Welt erwählt hat. Allerdings ergibt sich beim Nachdenken folgendes Problem: Durch dieses Statement versuche ich, den ewigen Gott (der außerhalb von Raum und Zeit ist, sich aber innerhalb von Raum und Zeit manifestiert) mit einem irdischen Maßstab zu messen. Ich mache Zeitangaben über die Ewigkeit. Prä-was? ist eine gute Frage, wenn man sie außerhalb des Raum/Zeit Kontinuums stellt. Es gibt kein Vorher, Nachher, Jetzt und Gleich in der Ewigkeit. Es gibt nur ein ewiges Jetzt, den ewigen Moment, weil Gott der ewig Seiende, der‘ Ich bin‘ ist. Von daher kann ich zwar versuchen, Gottes rettendes Handeln an menschlichen Maßstäben festzumachen, aber eigentlich liegt es in der Natur der Sache, dass ich dabei scheitern muss. Ich kann höchstens Aussagen darüber treffen, wie ich sein Handeln erlebe. Menschlich gesehen kann ich natürlich sagen, dass Gott sich zuerst für mich entschieden hat. Aber ich kann nicht sagen, dass sich Gott erst für mich entschieden und dann die Welt erschaffen hat – im Sinne eines zeitlichen Ablaufs. Wie aber kann man dann die biblischen Aussagen verstehen?

1. Man muss begreifen, dass alle irdischen Konzepte nur bis zu einem bestimmten Punkt die Wahrheit umreißen können. Irgendwann reichen menschliche Worte und der menschliche Verstand nicht mehr aus. Das gilt allgemein für die Ewigkeit, und damit auch für Gottes ewigen Ratschluss. Die falsche Frage ist: Wann hat Gott seinen ewigen Ratschluss geschlossen? Calvin zitiert selbst die Verse aus dem Römerbrief, in denen Paulus zu demselben Ergebnis kommt:

„O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? (Hiob 41,3). (Römer 11,33-35; LUT)

Aber dann macht er den großen Fehler, diese Frage zu beantworten, indem er (im Prinzip) sagt: ‚Wir. Wir als Gläubige haben durch Gottes Geist die Fähigkeit, diese Geheimnisse zu verstehen.‘ Nun, ich glaube nicht, dass es das war, worauf Paulus hinauswollte…!

„Es ist wahr: Gesetz und Evangelium enthalten Geheimnisse, die weit über unser Verstehen hinausgehen. Aber Gott erleutet das Herz der Seinen mit dem Geiste der Erkenntnis, um diese Geheiminisse zu fassen, die er in seinem Worte zu offenbaren für gut befunden hat; und darum ist hier kein Abgrund mehr, sondern ein Weg auf dem man sicher gehen kann…“ (Calvin)

Der ‚Abgrund‘ beginnt für Calvin erst an dem Punkt, wenn man fragt, warum Gott dann alles so lenkt, wie er es tut. Also von meinem Lesen der Bibel würde ich sagen, dass unser Verstand sich immer dann ausklinkt, wenn das Göttliche und Menschliche zusammenkommen. War Jesus Gott oder Mensch? Geschieht Heiligung durch Gottes Handeln oder durch menschliche Anstrengung? Und dann eben auch: Ist die Errettung Gottes oder Menschenwerk? Die Antworten sind immer ‚Ja‘. Wie? Da beginnt der Abgrund.

2. Die ‚Erwählung‘ ist nicht etwas, das Gott tut, sondern ein Ausdruck dessen, was/wer er ist. Paulus macht deutlich, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Das liegt daran, dass er Errettung ist. Er bringt Errettung, er rettet, indem er sich selbst gibt, indem er selbst in unsere Leben kommt. Er ist die Errettung. Gottes Entscheidung für die Menschen ist sein ewiger Wille, dass alle Menschen gerettet werden. Es gab keinen ‚Zeitpunkt in der Ewigkeit‘ an dem er das nicht wollte. Weil er Liebe ist. Lieben ist nicht etwas, das Gott in manchen Fällen tut, in anderen nicht. „Gott ist Liebe.“ Diese ewige Liebe, die sich für alle Menschen entschieden hat (und auch nicht anders kann), ist in Jesus Christus zu uns gekommen. Weil er schon immer Liebe gewesen ist, gab es keine Entscheidung für die Einen oder gegen die Anderen. Der Ball liegt jetzt in unserem Spielfeld.

Was ich nicht nachvollziehen kann, sind die Diskussionen über einfache bzw. doppelte Prädestination. Die Idee, dass Gott sich für die Einen entscheiden kann, ohne sich letztendlich gegen alle Anderen entscheidet, ist für mich ein albernes Hirngespinst, dass Theologen sich ausgedacht haben, um Gott nicht allzu grausam da stehen zu lassen. George MacDonald soll geweint haben, als er zum ersten Mal die Lehre von der Prädestination hörte – so furchtbar war ihm diese Vorstellung. Jede Entscheidung für eine Sache ist eine Entscheidung gegen eine andere Sache bzw. Person. Tatsächlicher ist es sogar so, dass, je inniger meine Entscheidung für den Einen, desto heftiger und entschlossener meine Entscheidung gegen alle Anderen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Wahl eines Ehepartners. Mit meiner Entscheidung für Luci habe ich mich für immer gegen alle anderen Frauen entschieden. Und Luci ist als meine Frau dazu prädestiniert, die Vorzüge und Nachteile eines Zusammenlebens mit mir zu erleben… ABER: Sie hätte auch Nein sagen können. Dann wäre sie dazu prädestiniert gewesen, zu denen zu gehören, die nicht meine Ehefrauen sind. Dann hätte sie nie erlebt, wie es ist, meine Frau zu sein.

„Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm.“ (Markus 3,13; LUT) Später würde Jesus zu ihnen sagen: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.“ (Johannes 15,16; LUT) Die Jünger hatten sich nicht einfach irgendeinen Rabbi ausgesucht, wie es vielleicht sonst üblich gewesen war. Jesus war zu ihnen gekommen und hatte sie in die Nachfolge berufen. Dass diese Erwählung ’nur‘ ein Privilieg, eine Bestimmung ist, sieht man an der Tatsache, dass Judas mit von der Partie war. Auch zu ihm sprach Jesus diese Worte. Auch er war zu einem spezifischen Ziel erwählt worden. „Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel. Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet ihn hernach und war einer der Zwölf.“ (Johannes 6,70-71; LUT) Das sehe ich als einen Schlüssel für all die Stellen, an denen davon die Rede ist, dass eine Personengruppe von Gott für einen bestimmten Zweck erwählt worden ist.

Wenn im NT von Erwählung die Rede ist, geht es eigentlich immer um die Berufung der Gemeinde als Ganzes. Die Gemeinde besteht allerdings nicht nur aus Leuten, die wirklich zur unsichtbaren Gemeinde Jesu gehören! Trotzdem sind alle dazu aufgerufen „ihre Berufung und Erwählung festzumachen“. Ansonsten geht es darum, dass bestimmte Leute einen bestimmten Dienst von Gott bekommen. Deswegen glaube ich, dass es bei der Berufung um eine Bestimmung geht, die in Gott festgelegt ist. Ich bin z. B. als Ehemann dazu berufen, meine Frau zu lieben. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass ich es automatisch muss, will oder werde.

In Calvins Institutio geht es in Buch 1, Kapitel 17, mit praktischen Anwendungen dieser Lehre weiter. Um es kurz zu machen: man muss Gottes Handeln und Herrschen nicht in dem Maße als Regulieren verstehen wie Calvin es tut, um die Anwendungen ziehen zu können. Auch wenn Calvin das nicht nur behauptet, sondern auch noch alle, die seine extreme Sichtweise ablehnen, aufs übelste beschimpft (Ich bin ein kläffender Hund und speie gegen den Himmel…). Polemisch tut er so, als gäbe es nur seine Sichtweise oder den Deismus a la Leibniz. Und seine Sichtweise ist natürlich die klare, reine Lehre der Bibel… Polemik hin oder her – so zu tun, als gäbe es nur diese zwei Extreme ist schlichtweg falsch. Deswegen stört mich diese Argumentation.

Kapitel 18 finde ich ebenso irritierend (und: Nein, das liegt nicht daran, dass ich gottlos bin, oder die wunderbare Weisheit Gottes nicht verstehe.). Die Überschrift des ersten Teils fasst die Grundaussage ganz gut zusammen: ‚Gott bedient sich auch der Taten der Gottlosen und lenkt ihre Gedanken, um seine Gerichte zu vollstrecken; aber er selbst bleibt dabei von jeglichem Vorwurf frei.‘ Seine Ansicht geht dabei weit darüber hinaus, dass Gott dem Bösen Freiraum gewährt (in dem es tun kann, was es selbst will) um es aber für sich arbeiten zu lassen. Letztendlich kommen auch die bösen Gedanken und Absichten von Gott – er verursacht ja alles – aber trotzdem behält er eine reine Weste. Wie das sein kann? Meiner Meinung nach bleibt Calvin diese Antwort schuldig. Er nimmt sogar das Beispiel Hiobs, in dem es keineswegs aus der Geschichte hervorgeht, dass Gott den Teufel ’schickt‘ oder ‚inspiriert‘. Im Gegenteil: der Teufel kommt mit seinen eigenen bösen Absichten vor Gott, und Gott lässt ihn gewähren. Der Teufel tut, was er will, er bekommt (bis zu einem gewissen Punkt) freie Hand. Gott steckt die Grenzen des freien Willens klar ab. Er lässt den Teufel für sich arbeiten. Dazu muss er ihm nur Freiraum geben. Der Grund, warum Calvin Gott in dieser Geschichte doch das aktive Verursachen in die Schuhe schiebt, ist Hiobs Aussage: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen…“. Diese beschreibt doch ganz klar einfach nur Hiobs Perspektive: egal, was Gott in meinem Leben tut (und sei es, indem er etwas geschehen lässt), er steht über allem und arbeitet auf ein bestimmtes Ziel zu. Dazu muss er nicht aktiv hinter dem Teufel stehen und ihn schicken. Auch wenn das aus menschlicher Perspektive keinen großen Unterschied macht… Ich mag den Vergleich zwischen dem Teufel und einem bösartigen Hund an einer Kette. Der gute Hundebesitzer kann dem bösen Hund ein bisschen Freiraum geben, um es zum Guten einzusetzen.

So, das reicht erstmal…

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  1. Nach deiner Einladung lasse ich es mir nicht nehmen, deinen Post zu kommentieren. Du hast Recht: Calvins teilweise polemischer Tonfall ist den Diskussionen seiner Zeit geschuldet, die erste Auflage der Institutio von 1536 enthält diese Auseinandersetzungen übrigens in der Breite nicht, erst im Laufe der Zeit wuchs die Institutio dann in der theologischen Debatte stückweise auf ihr endgültiges Ausmaß.
    Es freut mich ebenso, dass du (entgegen der landläufigen Chapel-Position…) zu einer doppelten Prädestination tendierst. Spekulationen über das genaue „Wann“ der Erwählung halte ich auch für unangemessen, allerdings muss den Aussagen der Bibel Rechnung getragen werden, die nun mal z.T. temporelle Aussagen treffen: so geht 1Petr 1,1-2 eindeutig von einer der Rechtfertigung und Heiligung vorangehenden Erwählung aus und Röm 8,28 begründet mit einer temporalen Kausalkette das Heilswirken Gottes (berufen/zuvor erkannt, bestimmt, berufen, gerechtfertigt, verherrlicht). Die Erwählung geschieht ebenfalls auch nicht aufgrund unserer freien Entscheidung sondern des Ziehens Gottes (Joh 6,44). Darin liegt für Calvin zutiefst der Kern des sola gratia der Reformation in der Erwählungslehre mit begründet, die ganze Heilsgewissheit wäre ohne sie dahin. Die temporellen Aussagen der Schrift dürfen m.E. nicht rein existentiell gedeutet werden, Gott steht zwar auf der einen Seite über der Zeit und über den Dingen, er wird aber in Jesus Mensch und begibt sich in die Geschichte hinein, insofern kann die Schrift die Erwählung eben auch zeitlich einordnen (womit ich nicht Spekulationen um Prä-, Infra- und Supralapsarismus meine…).
    Anfragen möchte ich deine These zur Vorherbestimmung des Bösen: was machst du z.B. mit Am 3,6? Calvin versucht erst gar nicht eine rationale Lösung des Problems, er geht aber m.E. in dieser Frage soweit, wie die Schrift auch geht. Das Verhältnis von menschlicher Verantwortung und göttlicher Souveränität kann nicht zur einen oder anderen Seite aufgelöst werden. In dieser Spannung bleibt Calvin vor der Größe des Schöpfers und seiner mangelnden Erkenntnis stehen und plädiert gleichzeitig wie auch das Westminster-Bekenntnis später für den freien Willen und die absolute Vorherbestimmung. Wo du doch gerade mit der Größe Gottes argumentierst, könntest du es doch auch im letzten Absatz tun. Für Calvin (m.E. s.o. auch die Bibel) ging die Vorherbestimmung des Bösen jedenfalls über eine bloße passive Zulassung hinaus. Und damit hört er genau da auf, wo Paulus auch in Röm 9,19-24 aufhört: „Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimms gegen Gott?“
    Soviel erstmal für den Moment von meiner Seite, lies vielleicht auch mal die Diskussion unter meinem Blogeintrag zu „Freier Wille und Ethik“:
    http://theologiaetmusica.wordpress.com/2009/01/15/freier-wille-und-ethik/

    Liebe Grüße,
    Daniel

  2. Tatsächlich glaube ich gar nicht an eine Erwählung im calvinistischen Sinne. Meine Ausführungen über die einfache/doppelte Prädestination sollten nur vermitteln, dass es – meiner Meinung nach – innerhalb dieses Gedankengebäudes nur letzteres geben kann. Ich glaube, dass Gott sich für alle Menschen entschieden hat (sein Wille, dass alle Menschen gerettet werden), wobei diese Entscheidung als Handlung nur eine Anthropomorphisierung ist, durch die Gottes Wesen (Gott ist Liebe) erklärt wird. Ebenso sind die Zeitangaben über eine Reihenfolge in der Errettung wie auch die Bibelaussagen über Gottes Wirken durch böse Handlungen gottloser Menschen nur ein Ausdruck der menschlichen Perspektive. Sie sind deswegen nicht dazu gegeben, aus ihnen Ableitungen im Bezug auf Gott zu machen, die über die direkten Aussagen anderer Stellen hinausgehen. (Beispiel: jemand hat mir auf der Straße auf die Nase – ‚Gott hat mir auf die Nase gehauen!‘ – kann man sagen, ist aber irreführend, weil es immer noch einen Unterschied macht, ob Gott jemanden gewähren lässt, oder es selber aktiv ausführt. In der Konsequenz ist es übrigens egal, meine Nase blutet. Von daher ist diese Diskussion zur ewig theoretischen Spekulation verdammt…)

    Was du über ‚das Ziehen Gottes‘ schreibst, halte ich auch für ein Mißverständnis, bzw. eine Überbewertung des Johannesverses. Natürlich zieht Gott, aber dieses Ziehen ist mehr als ein Werben zu verstehen. Er zieht alle Menschen, aber nicht im Sinne eines Zwangs. Und weil er alle Menschen zieht, kann man auch sagen, dass niemand zu Gott kommt, ohne das er nicht zuvor gezogen hat. Letztendlich entscheidet der Mensch, ob er sich auf Gott einlässt. Das genaue Zusammenspiel in der Entstehung einer Liebesbeziehung zwischen Gott und den Menschen bleibt verborgen. Das Calvin meint, anhand von Bibelversen dieses Rätsel doch entschlüsseln zu können, ist für mich ein großer Fehler. Warum muss man die Frage ‚Warum glauben manche Menschen und andere nicht?‘ weiter zurückverfolgen, als bis zu dem Menschen selbst? Die Schrift tut das nicht. Außerdem würde auch der Reformator selber nicht so weit gehen, den Ursprung des Bösen weiter zurück zu verfolgen als bis zum Teufel selbst. Die Frage ‚Was machte den Teufel sündigen?‘ ist eine unsinnige Frage – seine Entscheidung gegen Gott stammte aus der neutralen Eigenschaft, frei wählen zu können. Genauso beim Menschen. Wo sagt die Bibel, dass die Fähigkeit zu wählen schon ‚gut‘ ist und deswegen gottgewirkt sein muss?

    In der Praxis bedeutet das, was du sagst, dass Judas deswegen verloren ging, weil der Vater ihn nie gezogen hatte – und nicht, weil er den Lohn der Ungerechtigkeit mehr liebte. Auf so eine Schlussfolgerung kommt niemand, der die Schrift wie ein Kind liest! Und das macht mich immer stutzig – wenn auf eine bestimmte ‚biblische‘ Lehre keiner kommt, es sei denn, sie wird ihm von Theologen erklärt. Normalerweise bringe ich den Leuten bei, dass dies eins der Merkmale einer Irrlehre bei christlichen Sekten ist…

    Tatsache ist: die Bibel lehrt sowohl den völlig freien Willen als auch die Herrschaft Gottes über Allem, ohne dabei Hinweise zu geben, welche Seite als Ausgangspunkt gewählt werden soll. Der Grund, warum reformierte Geschwister doch einer Seite den Vorzug geben, und von diesem Standpunkt aus die ganze Bibel umdeuten, ist wie gesagt das Argument, dass dadurch Gott die meiste Ehre zuteil werde. Da möchte ich wieder die Frage von Dave Guzik wiederholen: „Says who?“ Meiner Meinung nach ist Gottes Ehre größer, wenn ich das Zusammenspiel vom Willen Gottes und dem Willen des Menschen als göttliches Geheimnis stehen lasse.

    In seiner Argumentation geht Calvin, so finde ich, über die Schrift hinaus, fährt sich dann in einer theologischen Sackgasse fest, und sagt sich: „Tja, Gott ist halt so groß, kein Wunder, dass ich irgendwann an diesen Punkt kommen musste…!“ Er begibt sich in den vorher beschriebenen ‚Abgrund‘. Und da ist es für den menschlichen Verstand zu dunkel, um etwas klar erkennen zu können. Deswegen vertut er sich in seiner Deutung. Wenn er schon ein demütiger, staunender Anbeter Gottes sein will, sollte er dies tun, indem er ein paar Schritte zurück macht, und die Grenzen einhält, welche Gott uns gegeben hat.

    Calvin sieht darin, dass Gott mich zu ihm zieht, ob ich will oder nicht, das sola gratia begründet. Ich sehe es darin zerstört. Die Schönheit bei einem unverdienten Geschenk liegt für mich immer auch darin, dass der Beschenkte es gerne und freiwillig annimmt – oder ablehnt, wenn er keine Verbindung mit dem Schenkenden wünscht.

    Für mich ist nach der Schrift ganz klar die Liebe Gottes (wie definiert und manifestiert am Kreuz Jesu) der Ausgangspunkt zur Deutung der ganzen Bibel. Wenn die Liebe eins nicht verträgt, ist es Unfreiheit, Unfreiwilligkeit, Zwang und Gewalt. Alle Heilsangebote, alles Flehen und Betteln um weiche Herzen, welche die Liebe Gottes erwidern sollen, würden nach meinem Empfinden zur Farce, wenn sie nicht echt wären. Auf der anderen Seite: wie schön ist das Geheimnis der Liebe zwischen Gott und den Menschen!

  3. Zitat:
    „Das Calvin meint, anhand von Bibelversen dieses Rätsel doch entschlüsseln zu können, ist für mich ein großer Fehler.“
    Meint er das wirklich oder wird ihm das von seinen Gegnern untergeschoben?
    Zitat:
    „In der Praxis bedeutet das, was du sagst, dass Judas deswegen verloren ging, weil der Vater ihn nie gezogen hatte – und nicht, weil er den Lohn der Ungerechtigkeit mehr liebte.“
    Falsch, es bedeutet, dass Judas deswegen verloren ging, weil der Vater ihn nie gezogen hatte und er den Lohn der Ungerechtigkeit mehr liebte. Judas wurde nicht zu seinem Schicksal gezwungen sondern entschied sich frei dazu. Gleichsam gebrauchte Gott seinen Ungehorsam zur Verherrlichung seines Sohnes (vgl. auch Apg 2,23).
    „Ebenso sind die Zeitangaben über eine Reihenfolge in der Errettung wie auch die Bibelaussagen über Gottes Wirken durch böse Handlungen gottloser Menschen nur ein Ausdruck der menschlichen Perspektive.“
    Woran machst du das fest? Ja, die Bibel spricht anthropomorph, das heißt aber nicht, dass sie damit unwahrhaftig wird. Wenn du den Ansatz konsequent durchziehst, könntest du gleichsam die Rede von der Wiederkunft Christi, der Ewigkeit u.v.a. enthistorisieren. Wieso sollte dein Ansatz nur auf die Terminologie der Errettung beschränkt bleiben?
    Ich wähle daher den Weg, wo die Bibel scheinbar widersprüchlich argumentiert, beides zugleich für wahr festzuhalten und nicht es einseitig nach einer Seite hin aufzulösen (das tut m.E. auch Calvin, er ist kein Fatalist!).
    Calvin zerstört das sola gratia auch nicht, er glaubt ja wie du an die freie Entscheidung des Menschen. Er weigert sich nur im Gegensatz zu dir, das eine zugunsten des anderen aufzugeben.
    Zum letzten Absatz kann ich nur Amen sagen, Calvin könnte es genauso!
    Vielleicht können wir uns ja noch irgendwie einigen… (bin Morgen in Siegen 😉 )

  4. Kleiner Kommentar noch hinterher:
    „Tatsache ist: die Bibel lehrt sowohl den völlig freien Willen als auch die Herrschaft Gottes über Allem, ohne dabei Hinweise zu geben, welche Seite als Ausgangspunkt gewählt werden soll. Der Grund, warum reformierte Geschwister doch einer Seite den Vorzug geben, und von diesem Standpunkt aus die ganze Bibel umdeuten, ist wie gesagt das Argument, dass dadurch Gott die meiste Ehre zuteil werde.“

    Zu erstem Teil stimme ich voll zu, deinem Urteil über Reformierte kann ich mich so nicht anschließen: Hyper-Calvinisten lösen die Spannung einseitig auf, Calvin selbst hat es m.E. nicht getan, wenngleich er im Vergleich zu anderen Theologen seiner Zeit sicherlich stärker die Erwählung betont (Luther übrigens ebenso, entgegen den späteren Lutheranern). Spurgeon ist vielleicht das bessere Beispiel für einen überzeugten Calvinisten: er gibt die freie Entscheidung des Menschen nicht preis und lehrt mit vollen Konsequenzen eine calvinisch geprägte Erwählungslehre.

  5. Das Calvin über die Schrift hinausgeht, habe ich in dem ersten Post ausgeführt. An dem Punkt, wo Paulus vor dem Abrund der Ewigkeit respektvoll stehen bleibt und anbetet (Römer 11,33-35), macht Calvin einen Schritt vorwärts und behauptet, wissen zu können, was letztendlich kein Mensch fassen kann:

    „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Johannes 3,8; LUT)

    Jede menschliche Beschreibung ist notwendigerweise aus unserer Perspektive, mit unseren Begriffen, mit Beispielen und Vergleichen aus unserer Dimension und mit unseren Maßstäben (Raum und Zeit). Alles Handeln Gottes innerhalb des Raum/Zeit-Kontinuums ist ein Geheimnis. Und dazu gehören Schöpfung, Rettung, Heiligung und Gericht. Wir haben viele Bilder, aber alles Erkennen ist Stückwerk. Es ist eine undeutliche, verschwommene Spiegelung der ewigen Realität in einem irdischen Stück Kupferblech (ums mal ganz poetisch auszudrücken).

    Calvin sagt zwar, dass er die Spannung nicht einseitig auflöst (weil er merkt, dass er damit in einigen Fällen direkt gegen die Schrift gehen würde), aber er tut es doch, wo er kann. Und du tust in deiner Aussage über Judas das Gleiche. Die Schrift sagt, dass er verloren ging, weil er den Lohn der Ungerechtigkeit liebte. Punkt. Zu behaupten, dass der Vater einige nicht zieht, ist für mich – wie gesagt – ein Widerspruch in sich. Das Ziehen ist nicht etwas, zu dem sich der Vater in manchen Fällen entscheidet, in anderen aber nicht. Es ist die Beschreibung seines liebevollen Wesens. Er ist anziehend. Verhärtet jemand sein Herz gegen ihn, kann man über diese Person sagen, der Vater habe ihn nicht gezogen. Aber die Ursache dafür liegt im Herzenszustand des Menschen, nicht in einer Entscheidung Gottes.
    Gott trifft keine Entscheidungen, denn Entscheidungen (in unserem Sinne) sind nur innerhalb der Zeit möglich. Wir beschreiben, wie Gott wirkt, indem wir sagen, „..und dann macht Gott das, und dann macht er das…“. Aber alle diese Beschreibungen müssen anthropomorph sein, denn ich deute Gott als ein in Zeit und Raum lebender Mensch (und natürlich geht es dabei überhaupt nicht darum, etwas unwahr zu machen). Ein gutes Beispiel für meinen Punkt ist Offenbarung 13,8:

    „Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, deren Namen nicht geschrieben stehen im Buch des Lebens des Lammes, das geschlachtet worden ist, von Grundlegung der Welt an.“ (Schlachter Übersetzung…passt ja ;°))

    Johannes blickt in die Ewigkeit und er sieht Jesus als geschlachtetes Lamm. Wie sonst kann man diese Verse verstehen, als dass sie beweisen, dass Jesus schon immer das geschlachtete Lamm gewesen ist (Beschreibung seines Wesens), dass sich durch seine Fleischwerdung manifestierte? Und genauso ist es zu verstehen, wenn Paulus schreibt, dass Gott uns erwählt hat, ehe der Welt Grund gelegt worden war (Epheser 1,4). Gott hatte sich schon für uns Menschen „entschieden“, bevor es Zeit und Raum überhaupt gab.

  6. Danke für deine klärenden Ausführungen! Und ich stimme dir zu, dass Gottes Entscheidungen sicherlich nicht vergleichbar sind mit unseren menschlichen Entscheidungen in Raum und Zeit. Dein Beispiel aus Offb 13,8 spricht jedoch m.E. eher für meine als für deine Sicht. Sehe ich es richtig, dass du meinst, dass Jesus vor Grundlegung der Welt das geschlachtete Lamm war? Man kann den Satz aber definitiv auch anders verstehen (so tut es auch die Schlachter): nicht das Lamm ist von Grundlegung der Welt an geschlachtet, sondern die Namen aller Gläubigen stehen schon vor Grundlegung der Welt im Buch des Lebens. Von daher ist Offb 13,8 m.E. kein gutes Beispiel für deine Position.
    Nehmen wir an, deine Sicht wäre korrekt: wieso antwortet Paulus dann nicht einfach in Röm 9,20 auf die Frage, wer denn jemals Gottes Willen widerstanden hat (V.19) mit der Antwort: weil der Mensch eine 100% neutrale Entscheidung frei treffen kann? Dass Paulus eben diese Antwort nicht gibt, sondern bestätigt, dass Gott sich ein Gefäß zur Ehre und eins zur Unehre bereiten kann, wie er möchte, steht deiner Deutung m.E. direkt entgegen. Paulus lässt die offensichtliche Spannung zwischen menschlicher Verantwortung und göttlichem Willen ungelöst stehen und verweist auf das Geschöpfsein des Menschen, er leugnet aber nicht die göttliche Willensentscheidung.
    Warum lässt die Schrift aber die häufige Formulierung „vor Grundlegung der Welt“ nicht einfach aus, wenn sie nicht zeitlich zu deuten ist?
    Ist die Entscheidung zur Existentialisierung jedes göttlichen Handelns nicht eine willkürliche philosophische Prämisse, die zudem jedes Reden von Heilsgeschichte überflüssig macht?
    Mir ist durchaus bewusst, dass in der reformatorischen Theologie manchmal die zeitliche Abfolge innerhalb des ordo salutis zu genau auseinandergenommen wird. Dennoch kann ich den Text nicht einfach einer enthistorisierenden Hermeneutik unterziehen: gerade die Inkarnation führt doch dazu, dass ich Gottes Handeln in Raum und Zeit ernstnehmen muss und nicht jede temporelle Aussage verwerfe!

    Kleine Rückfrage: ich habe mich ein bisschen mit Peter Enns befasst (sein Buch allerdings leider noch nicht gelesen). Kann es sein, dass du bei ihm ein paar Anleihen machst…?

    • Johannes sieht Jesus in der Ewigkeit als das geschlachtete Lamm. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass damit gemeint ist, dass es bei dieser Aussage um Jesu körperliche Wunden geht. Wahrscheinlich ist doch, dass damit Jesu Wesen beschrieben werden soll (konsequenter auch in der Auslegung eines apokalyptischen Textes). Natürlich kann dieser Vers auch anders verstanden werden. Aber was die Redewendung ‚vor Grundlegung der Welt‘ angeht – ich denke, dass es dabei nicht darum geht, dass Paulus oder Johannes eine Zeitangabe machen wollen. Im Gegenteil: sie sagen damit aus, dass etwas entschieden war, bevor das war, was jetzt ist. Warum die Bibel bestimmte Formulierungen nicht auslässt, ist meiner Meinung nach keine gute Frage. Wichtiger ist doch: inwiefern beschreiben menschliche Worte den ewigen Gott? Diese Prämisse ist nicht willkürlich, sondern ergibt sich aus der Sache, wenn man sich das ‚große Bild‘ anschaut. Und auch das Reden über eine Heilsgeschichte beschreibt doch nur, wie der ewige Gott innerhalb unserer Dimension gewirkt hat. In Gott selber gibt es aber keine zeitlichen Abläufe, weil er der Ewige, der Zeitlose ist. Das ist bestimmt keine Enthistorisierung. Aus unserer Perspektive ist Jesus vor 2000 Jahren am Kreuz gestorben. Aus Gottes Perspektive ist er schon immer das geschlachtete Lamm gewesen. Sobald ich sage: es gab eine Zeit (in der Ewigkeit), wo er etwas nicht war, was er jetzt ist, lege ich menschliche Maßstäbe an die Ewigkeit an. Ich verwerfe nicht jede temporelle Aussage. Ich sage nur, dass es in der Natur der Sache liegt, dass jede temporelle Aussage nur die menschliche Perspektive widergibt, weil Gott außerhalb von Raum und Zeit wohnt. Ich spiele nicht das eine gegen das eine aus (im Sinne einer Existentialisierung) – beides ist wahr! Es gibt Gottes Seite und und unsere Seite. Ich halte es nur für Buchstabenglauben zu sagen, dass meine Perspektive sich mit der göttlichen 1 zu 1 decken kann. Ich habe vor längerer Zeit mal einen englischen Post gemacht ‚God doesn’t speak Greek‘. Hier mal zwei Absätze ins Deutsche übersetzt:

      „Welche Sprache spricht Gott? Spricht er Hebräisch, Aramäisch oder koine Griechisch? Nein. Gott ist Geist. Seine Sprache ist keine menschliche Sprache, sondern eine geistliche Sprache. Alles Menschliche ist irdisch. Alles irdische ist zeitlich, unvollkommen. Genauso wie Gott nicht in einem von Menschenhand geschaffenen Gebäude wohnt und nicht von Menschenhänden bedient werden kann, kann er nicht vollkommen in menschlichen Sprachen enthalten sein. Auch nicht in Bibelsprachen. Aber auch allgemein gesprochen sind Gedanken, Ideen und Realitäten hinter den Worten größer und besser als die Worte selbst. Worte sind nur Hüllen. Auch Bibelworte.

      George MacDonald schreibt in dem Kapitel „Die Wahrheit ist aus dem Geist, nicht dem Buchstaben“: „Gott hat keinen Wert darauf gelegt, dass wir irgendwo Gewissheit seiner tatsächlichen Worte haben sollen – nicht nur weil er die Tendenz seiner Kinder zu Wörter-Verehrung, falscher Logik und Verderben der Wahrheit kennt, sondern auch weil er nicht will, dass sein Volk von Wörtern unterdrückt wird. Denn Worte – menschlich, und daher nur zum Teil fähig – konnten nicht vollständig erfassen oder ausdrücken, was der Herr meinte. Egal wie präzise die verwendeten Worte sind, um sie zu verstehen, muss sich der Herr auf den Geist des Jüngers verlassen. Da der Buchstabe nicht Leben geben kann, sollte er mit seiner Macht zu töten nicht auf den Thron gesetzt werden. Er sollte nur die Magd sein, welche dem Verstand, der aus der Wahrheit ist, die Tür der Wahrheit öffnet.“

      Menschliche Wörter und Konzepte sind dazu da, uns zu Gott zu führen. Aber wir können Gott nicht darin einschließen. Ich kenne Peter Enns‘ Standpunkte zu diesem Thema nicht. Aber er ist einer der Theologen, die mir in einer Zeit der intellektuellen Zweifel und Schwierigkeiten geholfen haben, einen Zugang zu Gott (und zur Bibel) zu finden, der ehrlich und doch dem Geist der Schrift treu ist.

      Römer 9 ist einen eigenen Post wert – nix, was man im Vorbeigehen streift. Kurz auf den Punkt gebracht: Ich glaube, dass es Paulus in Römer 9 um „das historische, nationale Schicksal geht, nicht um persönliche Errettung“. Deswegen beziehe ich es auch eher auf eine Gruppe von Menschen, nicht die Einzelperson.

  7. „ich denke, dass es dabei nicht darum geht, dass Paulus oder Johannes eine Zeitangabe machen wollen. Im Gegenteil: sie sagen damit aus, dass etwas entschieden war, bevor das war, was jetzt ist.“
    Aber damit machen sie doch eine relative Zeitangabe; die Erwählung war vor Grundlegung der Welt entschieden bzw. nach deinem Verständnis vor der Gegenwart. Um die Diskussion nochmals auf den Ausgangspunkt zurückzuführen: ich denke, wir sind uns darin einig, dass die Erwählung als solche zeitlich nicht absolut fixierbar ist, weil sie der Welt (und damit der Zeit) vorangeht. Nun kann dann die Erwählung und die Verwerfung aber definitiv nicht arminianisch gedeutet werden, denn die arminianische Position macht Gottes Erwählung von der historisch sich ereignenden menschlichen Umkehr abhängig und ordnet sie ihr letztlich nach. Die Erwählung (und damit auch die Verwerfung) liegt aber im ewigen Ratschluss Gottes begründet, womit wir m.E. wieder bei Calvin sind.
    Deine Ausführungen über die Aussagekraft menschlicher Worte können wir hier wohl nicht ausdiskutieren. Das von dir skizzierte Vorverständnis birgt zumindestens einige Gefahren in sich: wenn Gott sich in der Schrift nur mangelhaft offenbaren konnte, dann liegt die Ergründung des wahren Wesens Gottes im Reich der subjektiven Spekulation. Meine eigene Unfähigkeit, klare biblische Aussagen miteinander zu vereinbaren sollte mich nicht dazu bringen, die Missstände der göttlichen Kommunikation zu bemängeln sondern die Begrenztheit der menschlichen Vernunft einzugestehen! Das ist ein großer Unterschied im Denkansatz und ganz vorsichtig gesagt: Calvin tendiert zum letzteren und du betonst eher ersteres (versteh das bitte nicht falsch).
    Was die Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Sprache angeht: das ist ein Thema für sich (wohl wie Röm 9). Da sollten wir wohl mal gesondert drüber reden.

  8. PS: deine Erklärung von Am 3,6 steht immer noch aus: m.E. kann die reformierte Theologie v.a. aufgrund von Versen wie diesen nicht von einer bloßen „Zulassung“ des Bösen reden.

  9. Ob es jetzt eine Zeitangabe ist, wenn ich sage, dass etwas außerhalb der Zeit liegt…nach meinem Empfinden eher nicht.

    Um nochmal mein Schriftverständnis über dieses Thema zusammenzufassen: Unsere Errettung liegt in Gott begründet. Und zwar konkret in seinem Wesen, der Liebe. Verse, die über einen Entschluss, eine Entscheidung Gottes reden müssen antropomorphisch sein, weil Entschlüsse nur innerhalb von der Dimension ‚Zeit‘ möglich sind. Damit werden diese Verse aber keinesfalls abgetan, oder weniger ernst genommen, im Gegenteil! Sie werden als schwacher, menschlicher Versuch gewertet, auf das unfassbar große Geheimnis, Gottes Wesen selbst, zu verweisen. Sie sind sozusagen Hinweisschilder, die meinen Blick von ihnen weg auf Gott hin richten sollen (was übrigens die Aufgabe der ganzen Schrift ist).

    Weil die Errettung in Gottes ewigem Wesen begründet ist, kann niemand Gott vorweggreifen. Die arminianische Position hat auch ein anderes Selbstverständnis als deine Schlußfolgerung

    „…die arminianische Position macht Gottes Erwählung von der historisch sich ereignenden menschlichen Umkehr abhängig und ordnet sie ihr letztlich nach.“

    Gott muss immer zuerst kommen, es geht gar nicht anders. Man muss nicht so weit gehen, wie Calvin es in seiner Erwählungslehre tut, um ’sicherzustellen‘, dass Gott als Urheber des Heils, der keine menschliche Hilfe braucht, da steht. Das meinte ich auch, als ich geschrieben hatte, dass dieser Wunsch, Gottes Ehre zu beschützen, ein wichtiges ‚Herzensargument‘ vieler Calvinisten ist.

    Was die von dir angesprochene Gefahr angeht: natürlich kann man immer von zwei Seiten vom Pferd fallen. Meiner Erfahrung nach tendieren wir Evangelikalen aber eher dazu, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten zu sein, die Jesus zurecht wies:

    „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“ (Johannes 5,39-40; LUT)

    Das ewige Leben ist nicht in der Schrift, sondern in dem Gott zu finden, von dem die Schrift zeugt. Gott ist größer als die Bibel. Er passt nicht in die Bibel. Das heißt aber nicht, dass die Bibel ein schlechtes oder falsches Zeugnis von Gott ist!!! Es ist mehr so, als würde ich dir ein Buch über einen wunderbaren Menschen vorlesen, in dem in jeder erdenklichen Textgattung der Charakter und das Leben dieser Person beschrieben ist. Aber am Ende würde ich das Buch zuschlagen und sagen: ‚…aber du solltest diese Person eigentlich persönlich kennenlernen – komm, wir gehen zu ihr hin!‘

    Ich finde William Law’s Analogie perfekt, in er er das geschriebene Wort in seinem Verhältnis zum lebendigen Wort mit dem Verhältnis von Johannes dem Täufer und Jesus vergleicht. Die Bibel so zu verstehen, ist sie wirklich zu ehren. Andrew Murray schreibt dazu (auch übersetzt aus meinem ‚God didn’t speak Greek‘ post):

    „Um auf die Skrupel einzugehen, dass dies die Schrift klein macht, werden wir auf den Unterschied zwischen Christus, dem lebendigen Wort, und dem Buchstaben der Schrift erinnert. Uns wird gesagt, dass dies genau der Weg ist, die Schrift zu ehren, wenn wir sie als den einzigen und einzig verlässlichen Verweis auf den sehen, der das wahre Licht der Menschen ist. Genau wie es die höchste Ehre war, die ein Jünger von Johannes dem Täufer seinem Lehrer machen konnte, wenn er ihn verließ und zu Christus ging, so die Schrift. Je mehr wir die Schrift lesen und uns an ihr erfreuen, wird sie doch nur ihre ganzes Werk tun, wenn sie uns so täglich auf Christus verweist.“

    Die Schrift zeigt von sich selbst weg, auf Gott hin, der Geist ist. Dieser Gedanke löst Besorgnis aus, was aber eine menschliche Sorge ist. Sie legt darin begründet, dass wir ins in den ‚klaren Grenzen des geschriebenen Wortes‘ so schön sicher fühlen, was unsere Rechtgläubigkeit angeht. Aber diese Sorge ist auch ein mögliches Symptom für Buchstabenglaube. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, all unser Vertrauen auf einen Gott zu setzen, den wir nur ‚vom Hörensagen‘ kannten. Dieses Verständnis hat mein Vertrauen auf den Gott der Bibel unglaublich gestärkt, mir viel Freude an Gott und seinem Wort gegeben, ja, mich in seine Arme getrieben. Es war ein Glaubensschritt, aber ich fühle mich jetzt im Gott der Bibel geborgen.

    Und nochmal: ich spekuliere nicht darüber, wie Gott ist. Aber ich kenne die Grenzen, die in er Natur der Sache liegen, respektiere sie, und bleibe an ihnen anbetend stehen. …und es ist wunderbar! Es ist auch kein ‚Bemängeln der Missstände göttlicher Kommunikation‘. Statt dessen bewundere ich – in der Schrift wie bei Jesus selbst – diese wunderbare, geheimnisvolle Einheit des Menschlichen und des Göttlichen. Ich würde mich ja auch nicht darüber beschweren, dass Jesus durch seine Fleischwerdung seine Allgegenwärtigkeit aufgegeben hat…

    Und als Letztes, was das ‚wörtlich nehmen‘ von Bibelstellen wie Amos 3,6 angeht: niemand nimmt die ganze Bibel wörtlich. Aber in einem Milieu, in dem das ‚wörtlich nehmen‘ damit gleichgesetzt wird, Gott ernst (beim Wort) zu nehmen, macht sich natürlich jeder gut, der behauptet, die Bibel wörtlich zu verstehen. (kein persönlicher Angriff!) Tatsache ist: wir haben alle einen selektiven Literalismus (Beispiel: reformierte Amilleniaristen; nehmen Amos 3,6 wörtlich, aber Offenbarung 20,7 nicht – kein Angriff auf diese Position, nur Beispiel). Deswegen will ich mich gar nicht unbedingt über einzelne Stellen streiten, sondern das Wesen der Bibel verstehen lernen. Dann überbewerte ich nämlich einzelne Stellen nicht mehr.

    Aussagen wie die in Amos 3,6 verweisen meiner Meinung nach einfach darauf, dass Gott über allem steht, und in allem, bzw. durch alles hindurch regiert. Dazu muss er nicht etwas tatsächlich bewirkt haben.

  10. Gutes Schlusswort, Tobi! Im Bezug auf dein grundsätzliches Schriftverständnis würde ich dir folgen: im Zentrum steht Jesus als das Wort Gottes, nicht der „Buchstabe“. Wichtig finde ich, dass die Schrift uns dennoch alles zum Heil und Leben nötige sagt (2Tim 3). Unser grundlegender Unterschied liegt nicht in der Erwählungslehre an sich sondern in den Denkvorraussetzungen. Nebenbei: ich finde die Unterscheidung von Literalismus und bildlicher Auslegung grundsätzlich problematisch: bei einem bildlich gemeinten Text ist eine sogenannte „literalistische“ Auslegung schlichtweg falsch und nicht textgemäß, in Wahrheit wäre dann die bildliche Auslegung textgemäß. Bildlich auslegen heißt jedoch nicht, einzelne Begriffe willkürlich umzudeuten; im Gegenteil, gerade auch bei Bildrede muss der Wortlaut des Textes ernstgenommen werden (ich für meinen Teil kann Am 3,6 u.v.a. St. nicht bildlich deuten; aus „bewirken“ ein „passives Regieren“ zu machen, steht jenseits der Textaussage und hat m.E. nichts mit bildlicher Auslegung zu tun.
    Wichtig ist mir, dass wir beide dennoch gemeinsam (wohl auch mit Calvin) bekennen können, was du schreibst:
    „Aber ich kenne die Grenzen, die in er Natur der Sache liegen, respektiere sie, und bleibe an ihnen anbetend stehen. …und es ist wunderbar!“

  1. 13. Dezember 2009

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