Unser Platz in der Gesellschaft

Immer noch beschäftigt mit der konstruktiven Aufarbeitung der Geschehnisse der letzten Wochen (siehe Posts ‚Eine Frage der Ideologie‘ und ‚Abgelehnt.‘) gibt es jetzt hier das Predigtskript der Jugendgottesdienste heute Morgen.

Am Donnerstag hatte ich ein einstündiges Treffen mit dem Herrn Mörbitz von der SPD. Ihr erinnert euch an die Sache mit dem WDR-Beitrag, in dem wir wie eine fundamentalistische Sekte dargestellt werden. Natürlich gibt es immer auch berechtigte Kritik. Aber oft werden wir auch von weltlichen Leuten missverstanden, weil sie uns nicht einordnen können.

Für sie gibt es nur zwei Kategorien:

  1. Auf der einen Seite gibt es Leute wie sie selbst, die sich auf das Hier und Jetzt beschränken, die nur das glauben, was sie sehen. Nach ihrer Selbsteinschätzung sind sie sehr offen, vernunftbasiert, und behandeln alle Menschen gleich (sind in der Hinsicht sehr moralistisch). Sie halten sich selbst für nicht religiös und sehen das als überlegen an.
  2. Und dann gibt es für sie noch die religiösen Menschen, also Leute wie uns. Für sie sind wir engstirnig, auf eine bestimmte Sichtweise festgefahren, und haben uns für Glauben anstatt für Verstand entschieden. Außerdem, und das ist in unserer Situation das wirkliche Problem, halten sich religiöse Menschen für was Besseres. Sie finden sich selber gerecht und heilig, während sie auf die schmutzigen Sünder herabschauen und diese ablehnen und diskriminieren.

Das ist das Weltbild von vielen Leuten wie Herrn Mörbitz. Doch diese Denkweise wirft drei Probleme auf:

  1. Das Überlegenheitsdenken der Säkularisten gegenüber den Religiösen und ihre angebliche Gleichbehandlung aller Menschen passen nicht wirklich zusammen. Anders gesagt: sie wollen tolerant sein und niemanden diskriminieren – aber oft begegnen sie den religiösen Menschen mit viel Intoleranz oder sogar überheblicher Verachtung. (Das könnte einer der Gründe für unsere Ablehnung im Jugendhilfeausschuss gewesen sein.) Dieses Problem ist ein Problem der Heuchelei: sie haben einen Balken im Auge, wollen bei uns aber den Splitter rausziehen. Jesus verurteilt Heuchelei.
  2. Die Unterteilung in religiös und nicht religiös ist bei näherer Betrachtung unsinnig. Denn alle Menschen – der Mensch an sich – ist hoffnungslos religiös. Jeder Mensch hat einen Gott, auf den er seine Hoffnungen setzt, von dem er alles Gute erwartet. Jeder Mensch betet an, indem er bereit ist, sich vor irgendetwas/irgendjemandem zu beugen und Opfer zu bringen, um etwas zu bekommen. Jeder Mensch hat eine Art Idealzustand (Paradies), an den er glaubt. Für jeden Menschen gibt es eine Botschaft, über die er sich definiert, und die er für verbreitungswürdig hält. Der säkulare Mensch würde sein Leben zwar nicht mit religiösen Begriffen und Konzepten beschreiben, aber vom Inhalt her muss er zustimmen. Die Frage ist nicht: Religiös oder Säkular?, sondern einfach nur Welcher Gott?
  3. Wenn wir als Christen wirklich so leben, wie wir es sollten, passen wir in keine der beiden Schubladen. Im Gegenteil! Wenn du dir das Leben von Jesus anschaust, wirst du sehen, dass seine schärfste Kritik und seine härtesten Urteile nicht den ’schmutzigen Sündern‘ galt, sondern gerade den ‚Frommen‘ seiner Zeit – den Pharisäern.

Auf die traf, laut den Evangelien, alles Negative zu, was man über religiöse Menschen sagen kann:

  1. Sie hatten eine rückwärtsgewandte Weltanschauung. Für sie ging es darum, einen geistlichen Zustand aus der Vergangenheit wiederherzustellen. ‚Früher war alles besser!‘ war ihre Devise. ‚Oh, was ist die Welt so böse geworden…alles wird immer schlimmer!‘ (Fairerweise muss man an diesem Punkt allerdings sagen, dass die sogenannten nicht religiösen Menschen oft einfach auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Für sie war früher alles schlechter, und modern ist immer = ‚gut‘. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.)
  2. Sie waren selbstgerechte Heuchler. In ihren eigenen Augen waren sie besser als andere Menschen. Diese Überheblichkeit ist ja schon schlimm genug, aber bei ihnen war sie noch nicht mal gerechtfertigt. Denn während sie bei Anderen mahnend den Finger hoben, machten sie den aber selbst nicht krumm.
  3. Sie zogen sich zurück und sonderten sich ab. Der Kontakt mit dem ungläubigen Umfeld beschränkte sich aufs Nötigste.
  4. Sie waren voller Verachtung und Hass. Bewusst grenzten sie bestimmte Leute aus. Die Zöllner, Huren und Sünder hatten ihrer Meinung nach in der Gesellschaft keinen Platz. Bewusst wurden sie, auch in der Öffentlichkeit, diskriminiert. Wie groß ihr Hass war, wird dadurch deutlich, dass sie Jesu ‚Beseitigung‘ planten und z. T. auch durchführten.
  5. Sie wollten Macht, Einfluss und Positionen. …aber nicht, um zu helfen und zu dienen, sondern für sich selbst. Hatten sie dann die Macht, mißbrauchten sie diese, um über Andere zu herrschen.

Verhalten wir uns so, fallen wir auch unter Jesu Urteil: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler!“

Aber was ist denn dann unsere Aufgabe in der Welt, unsere Rolle in der Gesellschaft? Ich würde vorschlagen, wir orientieren uns nicht an den Pharisäern, sondern an Jesus selbst.

  1. Jesus wusste: die Lösung liegt nicht in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Die Lösung liegt in dem, was Gott jetzt – in der Gegenwart – tun will. Die drei Prinzipien eines Christen: Glaube (ein sich Verlassen auf das, was Gott in der Vergangenheit getan hat), Hoffnung (eine Zuversicht, dass Gott ein bestimmtes, zukünftiges Ziel verfolgt und erreichen wird) und Liebe – unser Auftrag hier und jetzt.
  2. Jesus schaute nicht auf andere herab. Im Gegenteil, er erniedrigte sich so weit, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Er brachte uns bei, zu allen Menschen aufzuschauen, d. h. sie als Menschen zu respektieren und wertzuschätzen – und zwar gerade bei den Ausgestoßenen und ‚Sündern‘. Diese Annahme von Sündern hielten die religiösen Leute für falsch und nicht gottgefällig. Sie distanzierten sich von den Sündern. Jesus nannte zwar Sünde beim Namen, aber er tat dies im persönlichen Gespräch und in Liebe.
  3. Jesus wurde Mensch, kam zu uns. Er ging zu den Menschen hin. Er war ständig unterwegs, und suchte die Begegnung mit den Leuten. Er nahm sich genauso Zeit für die Seelsorge mit der Ehebrecherin wie für die Diskussion mit dem suchenden Theologen.
  4. Jesus war authentisch (echt). Für uns heißt das, dass wir nicht so viel mit dem Finger auf andere zeigen, sondern uns an der eigenen Nase fassen. Das Gericht muss anfangen im Haus Gottes. D. h., wir müssen mit uns selbst ins Gericht gehen, und offen zu unseren Fehlern stehen. Wir sind nicht diejenigen, die immer alles richtig machen!
  5. Jesus nahm die Menschen an. Er aß mit ihnen, sprach mit ihnen, lud sie in sein Leben ein. Auch wenn er manche Leute scharf zurecht wies – nie schlug einem Hass entgegen.
  6. Jesus diente. Er wählte nicht die Machtposition, sondern das Handtuch des füßewaschenden Sklaven.

Das ist, wie Jesus in die Welt kam, und das ist, wie wir uns im Umgang mit allen Menschen verhalten sollten: Liebend, demütig, das Gespräch suchend, authentisch, voller Annahme, dienend.

Aber das ist nicht nur unser persönliches Vorbild, sondern ist auch für uns als Jugendgruppe/Gemeinde unser Platz in der Gesellschaft.

Was heißt das alles jetzt für uns praktisch?

a) Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auch die falsche Unterteilung (in religiöse und nicht religiös) machen. Das führt nur dazu, dass sich die Fronten verhärten. „Der Glaube an die Herrschaft Jesu über allen Lebensbereichen hält uns davon ab, das Leben in weltlich/öffentlich – privat/heilig bzw. in materiell/weltlich – geistlich/Gemeinde aufzuteilen.“ (Tim Keller)

b) Wir müssen uns fragen, wie wir unserer nichtchristlichen Umwelt Jesu Liebe praktisch zeigen können. Wenn Jesus alle Menschen angenommen und ihnen gedient hat, müssen wir überlegen, wie wir das auch umsetzen können. Wie können wir den Menschen in der Stadt dienen? Wie können wir speziell den Homosexuellen zeigen, dass wir sie lieben? (Anmerkung: viele Christen haben Skrupel: „Aber dann unterstützen wir ja deren sündhaften Lebensstil!“. Jesus hatte diese Skrupel offenbar nicht. Er diente den Menschenmassen, indem er alle heilte oder ernährte, die zu ihm kamen. Ein Großteil dieser Menschen ging dann wieder zurück in ihr sündhaftes Leben.)

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    • Matthias Georg
    • 2. Januar 2010

    Hallo,

    ich habe die Diskussion zufällig auf dem Blog von Steve Milverton verfolgt. Ich stehe der CCS selbst in manchen Dingen kritisch gegenüber und besuche sie auch nicht regelmäßig; dennoch will ich Ihnen Mut machen. Ihre Argumentation ist absolut stringent und logisch und sie bleiben dabei – und das ist bei diesem Blog das beachtlichste – immer freundlich und gesprächsbereit. Der Blogbetreiber hingegen betreibt in meinen Augen billige Polemik und geht in keienster Weise auf ihre Standpunkte ein. Ein erbärmliches Bild gibt das ab, zumal meine Sie unterstützenden Kommentare mehrfach gar nicht veröffentlicht wurden.

    Viele Grüße
    M. Georg

  1. Hi Matthias, vielen Dank für die ermutigenden Worte. Tatsächlich wurde eine beginnende Diskussion zwischen mir und einem anderen Commenter einfach weggeblockt, und wir wurden aufgefordert, das ganze nicht-öffentlich (per eMail) weiterzuführen. Bis jetzt habe ich von Oliver noch keine Erlaubnis erhalten, aber ich werde seine Fragen und meine Antworten hier trotzdem posten. Wenn er es nicht wünscht, nehme ich den allerdings wieder runter.

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