Ausharren der Heiligen – mal anders

Auf welcher Grundlage kann ich mir als Christ eigentlich sicher sein, dass ich a) wirklich auf dem richtigen Weg bin und b) diesen Weg auch bis zum Ende gehen werde? Welche Grundlagen gibt mir die Schrift? Die Aussagen sind eigentlich klar: Gewissheit kann ich nur haben, wenn ich mich ganz auf Gott – und nicht auf mich selbst – verlasse. In mir gibt es keine stabile Grundlage. Bleibe ich aber durch den Glauben an der Güte Gottes, fühle ich mich in ihm sicher.

Durch die calvinistische Lehre der Prädestination bekommt das Thema Heilsgewissheit aber eine unglaublich schwierige Dimension. Man sollte ja denken, dass der fünfte Punkt ‚das Ausharren der Heiligen‘ einem Christen eine absolut unerschütterliche Gewissheit geben muss. Besagt er doch (stark vereinfacht), dass die von Gott zur Errettung Ausgesuchten es auch bis zum Ende schaffen werden – weil Gott das für sie so entschieden hat.

So heißt es in den Dordrechter Lehrsätzen:

»Dieser Bewahrung der Erwählten zur Seligkeit und der wahrhaft Gläubigen Beharrlichkeit im Glauben können die Gläubigen selbst gewiß sein und sind es nach Maßgabe ihres Glaubens, durch den sie gewiß glauben, daß sie wahre und lebendige Glieder der Kirche seien und bleiben würden, daß sie Vergebung der Sünden und ewiges Leben hätten.«

Mit anderen Worten: jeder Erwählte hat (mehr oder weniger) viel Gewissheit, weil er eben glaubt. Das nennt man einen Zirkelschluss. Du bist dir sicher, dass du ein Gläubiger bist, weil du glaubst. Und in dem Maß, wie du es glaubst, bist du dir sicher. Die Frage ist jetzt natürlich: Was ist, wenn du dir nicht sicher bist? Ist das ein Zeichen für den schwachen Glauben eines Erwählten? Oder ist es ein Hinweis darauf, dass du zu einer ganz besonders bemitleidenswerten Gruppe von Menschen gehörst?

Denn aus der Erfahrung als Christen wissen wir, dass es Leute gibt, die von sich selbst denken, sie wären Christen, sich aber später wieder abwenden, bzw. abfallen. Wie erklärt Calvin in seiner Institio diese Personengruppe? Haltet euch fest:

„Ich gehe sogar noch weiter: da aus der Lehre der Schrift wie auch aus der alltäglichen Erfahrung hervorgeht, daß auch die Verworfenen zuweilen von einem Empfinden der göttlichen Gnade innerlich berührt werden, so muß in ihren Herzen auch notwendig ein gewisses Begehren aufkommen, Gott wiederzulieben. So war in Saul eine Zeitlang eine fromme Regung am Werk, Gott zu lieben, der ihn nach seinem eigenen Erkennen väterlich behandelte, so daß er gewissermaßen von der Süßigkeit solcher göttlichen Güte ergriffen wurde. Aber wie diese Überzeugung von Gottes Liebe bei den Verworfenen nicht bis in die Wurzeln geht, so lieben sie ihn auch nicht wirklich wieder, wie die Kinder, sondern sie lassen sich vielmehr von einer Art Zuneigung leiten, wie sie ein Tagelöhner haben mag! Denn der Geist der Liebe ist allein Christus gegeben, damit er ihn auch in seine Glieder einsenke; nicht über die Schar der Erwählten hinaus gilt auch das Wort des Paulus: „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist“ (Röm. 5,5). Das ist die Liebe, die in uns jene obenerwähnte freudige Zuversicht weckt, Gott anzurufen (Gal. 4,6). (…)

Aber das hindert in keiner Weise, daß jene geringere Wirkung des Heiligen Geistes auch in den Verworfenen ihren Lauf geht. Indes werden die Gläubigen gemahnt, sich gründlich und demütig selbst zu prüfen, damit nicht etwa an Stelle der Gewißheit des Glaubens die fleischliche Sicherheit in ihnen aufkomme! Auch wird den Verworfenen stets bloß ein verworrenes Empfinden der Gnade zuteil: sie erfassen also eher einen Schatten als den wirklichen Körper; denn die Vergebung der Sünden versiegelt der Heilige Geist im eigentlichen Sinne allein in den Erwählten, damit sie sie sich im besonderen Glauben zu ihrem Nutzen zueignen. Trotzdem kann man von den Verworfenen mit Recht sagen, daß sie glauben, Gott sei ihnen gnädig; denn auch sie empfinden die Gabe der Versöhnung, freilich verworren und nicht klar genug. Das bedeutet nicht, daß sie mit den Kindern Gottes einerlei Glauben haben oder gleich ihnen der Wiedergeburt teilhaftig geworden sind; aber sie scheinen unter der Decke der Heuchelei doch mit ihnen den Anfang (principium) des Glaubens gemeinsam zu haben. Ich kann auch nicht leugnen, daß Gott ihr Inneres derart erhellt, daß sie seine Gnade erkennen; aber dieses Empfinden unterscheidet er doch dadurch von dem besonderen Zeugnis, das er seinen Erwählten zuteil werden läßt, daß den Verworfenen die kräftige Wirkung und der Genuß (der Gnade) unbekannt bleibt. Denn ihnen erzeigt sich Gott nicht in dem Sinne gnädig, daß er sie wirklich aus dem Tod herausreißt und sie in seinen Schutz nimmt, sondern er läßt sie allein seine (zeitlich) gegenwärtige Barmherzigkeit erfahren. Allein den Gläubigen aber schenkt er, damit sie bis ans Ende beharren, die lebendige Wurzel des Glaubens. So löst sich der Einwand, wenn Gott einem Menschen wirklich seine Gnade erzeige, dann sei solche Tat von beständiger Festigkeit: es spricht doch nichts dagegen, daß Gott gewisse Menschen mit einem augenblicklichen Empfinden seiner Gnade erleuchtet, das hernach wieder vergeht.“ (Buch III; 2,11-12)

Wie bitte? Gott erhellt manche Verworfene genug, damit sie von sich selbst denken, dass sie Erwählte sind, aber nicht genug, damit sie wirklich gerettet werden? Wie kann ich mir denn sicher sein, dass ich wirklich erwählt bin, und nicht in diese furchtbare Kategorie falle? Trotzdem durchhalten, in der Hoffnung, dass es am Ende keine böse Überraschung gibt?

John Piper gibt zu, dass diese Sicherheit im Bezug auf das eigene Heil nicht wirklich etwas ist, dass man als Christ mit auf den Weg bekommt – vielmehr ist es etwas, dass mit unserer Heiligung wächst. Sein Fazit: zum Kreuz schauen, um Erleuchtung beten, einander lieben. Und auf Gewissheit hoffen.

Ich glaube persönlich auch daran, dass ich mir immer sicherer werde, je näher ich bei Jesus bin. Und genauso andersrum: je weiter ich mich von ihm entferne, desto unsicherer bin ich mir. Der Teufel spielt seine Spielchen mit unserem Kopf, das Herz wird durch den Betrug der Sünde hart. Das ist meiner Meinung nach genau der Punkt, den Petrus in seinem zweiten Brief macht:

„Alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit dient, hat uns seine göttliche Kraft geschenkt durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Kraft. Durch sie sind uns die teuren und allergrößten Verheißungen geschenkt, damit ihr dadurch Anteil bekommt an der göttlichen Natur, die ihr entronnen seid der verderblichen Begierde in der Welt. So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen. Denn wenn dies alles reichlich bei euch ist, wird’s euch nicht faul und unfruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. Wer dies aber nicht hat, der ist blind und tappt im Dunkeln und hat vergessen, dass er rein geworden ist von seinen früheren Sünden. Darum, liebe Brüder, bemüht euch desto mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln.“ (1,3-10)

Das Problem ist nur, wenn man dann – wie Piper – an die Prädestination glaubt. Ich soll meine Gewissheit aus meinem Glauben ziehen. Aber nicht aus meinem Glauben an meine eigenen Werke, die eine Errettung ‚beweisen‘ würden. Gleichzeitig soll ich mir aber auch nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob ich zu Gottes Erwählten gehöre, weil Gottes Ratschluss in dieser Beziehung unergründlich ist. Und zu all dem kommt (laut Calvin) die theoretische Möglichkeit, zu denen zu gehören, die sich mit Gottes Hilfe selbst etwas vormachen? Kein Wunder, dass Piper dieses theologische Dilemma als ‚quälendes Problem‘ (agonizing problem) bzeichnet…

PS: Bevor ich missverstanden werde: ich glaube wie gesagt nicht daran, dass jemand irgendeine Gewissheit aus dem Sprechen eines Übergabegebets ziehen sollte. Jesus ist meine Gewissheit.

Advertisements
  1. Hallo Tobi!

    Wohl wissend, dass wir uns in der Sache wohl uns wenig annähern werden, möchte ich dich auf ein Buch zum Thema aufmerksam machen, dem ich im wesentlichen zustimmen kann:
    Schreiner/Caneday. Mit Ausharren laufen. Betanien: 20o9, siehe hier:
    http://www.cbuch.de/product_info.php/info/p2804_Schreiner—Caneday–Mit-Ausharren-laufen.html

    Das besondere an Schreiner/Canedays Perspektive ist, dass sie jegliche dogmatische Argumentation (calvinistisch od. arminianistisch) zunächst außen vor lassen möchte und die biblischen Aussagen aus der Perspektive des „Schon jetzt und noch nicht“ (Reich Gottes- Lehre) entfaltet. Damit treffen sie meines Erachtens sehr gut den Kern der biblischen Aussagen. Auch das Abschlusskapitel zur Erwählunglehre ist sehr gelungen.

    Zu Calvin noch eine Bemerkung: Calvins Formulierung ist sicherlich drastisch und in sein dogmatisches Konzept von Erwählung eingepasst. Es handelt sich um einen Versuch, die Erfahrungen eines Saul zu systematisieren (was sicherlich problematisch ist). Dennoch ist gerade bei Saul es offenkundig, wie sprunghaft er von geisterfüllten zu „dämonischen“ Handlungen wechselt. Und in der Tat, Saul hielt seine Opfer für gottgefällig und schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Wieviele Menschen gibt es heute, die meinen, gottgefällig genug zu sein, ohne die Gnade Gottes in Anspruch nehmen zu müssen? Ein Rest von biblischer Moral ist meist noch vorhanden, den man denke ich wie Calvin als „Gnade Gottes“ bezeichnen könnte.
    Zweitens denke ich, dass man „Calvinisten“ nicht an den Formulierungen der Institutio messen kann. Wie ich bereits Sonntag gesagt habe: es gibt moderate und extreme Calvinisten. Und 95% der „Calvinisten“ tut man extremes Unrecht, wenn man ihre Theologie als gotteslästerlich bezeichnet. Was ich bei aller Schärfe in Calvins Theologie dennnoch schätze, ist, dass er es gewagt hat, auch unbequeme Seiten des Handelns Gottes stehen zu lassen. Ob seine Exegesen dabei immer richtig sind, wage ich auch zu bezweifeln, aber gerade Calvins Theologie ist eine Theologie, gegen die Feuerbachs Projektionstheorie keine Chance hätte: welcher Mensch baut sich einen solchen Gott zusammen?
    Übrigens: es gibt viele Reformierte, die zu dieser o. einer ähnlichen Position gerade durch Bibellesen gekommen sind (google mal ein bisschen!). Ich möchte nicht behaupten, dass man bei Calvin endet, wenn man die Schrift liest, aber ebensowenig landet man bei dem oft so üblichen „Evangelikalium“, dass unbequeme Stellen einfach rational passend macht.

  2. Wie gesagt: ich glaube nicht an das verbreitete ‚once saved, always saved‘. Das liegt auch daran, dass ich glaube, dass es unser verändertes Herz ist, welches den Himmel zum Himmel macht. Im Himmel wird keiner sein, der nicht da sein will. Ich glaube auch nicht an ein ‚easy-believism‘, weil ich das Leben – und besonders das Glaubensleben – für viel komplexer halte. Ein gutes Beispiel dafür ist der steinige Boden aus Matthäus 13. Beschreibt Jesus damit eine ‚gerettete Person‘? Ohne das von dir empfohlene Buch gelesen zu haben, klingt es nach dem selben Ansatz, den ich auch hätte.

    Mit meinen Ausführungen wende ich mich auch nicht ‚gegen Calvinisten‘, sondern gegen Calvins Sichtweisen und Schlüsse. Nur zu sagen, dass so ein Gottesbild so furchtbar ist, dass kein Mensch sich so einen Gott ausdenken würde, ist diesem extremen Calvinismus wohl kaum anzurechnen.

    Mir geht es persönlich so, dass sich durch mein Bibelstudium (und ich habe mich seit vielen Jahren mit der Bibel befasst, ohne eine systematische Theologie als Ausgangspunkt zu haben) ein klares Gottesbild geformt hat. Einzelne Stellen müssen am Gesamtbild gemessen werden, nicht umgekehrt.

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: