Archiv für Januar 2010

Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft

Besonders in Amerika tobt der Kampf zwischen Kreationisten und Evolutionisten. Ich finde es wichtig, dass wir als Christen hier in Deutschland mit diesem Thema etwas anders umgehen. Versöhnlichere Töne und eine differenzierte, intelligente Haltung würden helfen, unnötige Barrieren für das Evangelium abzubauen. Der englische Theologe und Molekularbiologe Alister McGrath schreibt:

„Wir [Christen] brauchen eine geduldige, großherzige und gnädige Betrachtung dieser großen Themen.“

Die Frage ‚Woher komme ich?‘ bzw. ‚Woher kommt das Universum?‘ ist – nicht nur wissenschaftlich, sondern auch philosophisch – eine der großen Fragen der Menschheit. Die möglichen Antworten darauf kommen aus zwei Bereichen: der Naturwissenschaften und der Religion/des Glaubens.

Die Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaften beantworten die Frage nach dem Ursprung des Universums generell gesprochen mit der Urknalltheorie. Theorien sind dazu da, Abläufe und Vorgänge in der Natur erklären zu können (die Erdanziehungskraft ist z. B. auch eine Theorie). Diese Art von Antwort ist natürlich eher ‚technisch‘, Begründer der Urknalltheorie war ein französischer Theologe, Priester und Physiker.

„Der Urknall bezeichnet keine „Explosion“ in einem bestehenden Raum, sondern die gemeinsame Entstehung von Materie, Raum und Zeit aus einer ursprünglichen Singularität.“ (wikipedia.de) Das heißt, unser Universum (und mit ihm die drei Komponenten Materie, Raum und Zeit) hat einen bestimmten, nicht definierbaren, nicht erforschbaren Anfangspunkt. Man kommt zu dieser Annahme, weil sich das Universum ausdehnt und abkühlt.

„Allerdings bleibt in diesem Modell offen, was vor dem Urknall war und wodurch er verursacht wurde. Zeit, Raum und Materie sind jedoch gemäß der Urknalltheorie erst mit dem Urknall entstanden. Dadurch wird der Frage nach dem „davor“ die Grundlage entzogen, denn einen Raum, in dem etwas hätte stattfinden können, gab es vor dem Urknall (per Definition) nicht. Hinzu kommt, dass ein Zeitpunkt vor dem Urknall rein physikalisch auch nicht definierbar ist.“ (wikipedia.de) Ob das Universum unendlich ist oder nicht – damit können sich Astrophysiker und Relativitätstheoretiker rumschlagen…

Das Leben entstand laut dieser Theorie durch chemische Verbindungen/Reaktionen und entwickelte sich dann durch Mutation/Anpassung weiter. Schlüssel zum Verständnis dieser Abläufe ist Darwins Evolutionstheorie: „(1) Die Lebewesen produzieren viel mehr Nachkommen als die Natur ernähren kann. (2) Zwischen den Nachkommen gibt es kleine vererbbare Unterschiede. (3) Manche Unterschiede verbessern die Überlebenschancen, andere verschlechtern sie. (4) Von den Nachkommen mit verbesserten Eigenschaften überleben mehr als von den anderen (’natural selection’). (5) Dadurch entstehen allmählich neue Arten.“ (Kommentar von Peter Dörfler auf http://dasmagazin.ch/index.php/was-darwin-wirklich-meinte/)

Die Religion. Uns geht es ja darum, welche Inhalte für den christlichen Glauben zentral/grundlegend sind. Deswegen befassen wir uns mit dem, was die Bibel zu dem Thema sagt. Wie ihr wahrscheinlich wisst, beginnt die Bibel mit einer Schöpfungsgeschichte. Woher kommt das Universum? „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ Der Gott der Bibel erschuf das Universum aus dem Nichts: „Durch den Glauben verstehen wir, dass die Welt auf Gottes Befehl hin entstand und dass alles, was wir jetzt sehen, aus dem entstanden ist, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,3; NL) D. h., das für uns sichtbare und erforschbare Universum hat seinen Ursprung in einer geistlichen, unsichtbaren Realität – in Gott selbst.

Die Schöpfunggeschichte ist genau genommen ein sogenannter Schöpfungsmythos. Wenn wir ‚Mythos‘ hören, denken wir einfach nur an eine erfundene Geschichte. Aber ‚Schöpfungsmythos‘ ist eine Textgattung. „Ein Mythos ist eine antike, prämoderne, vorwissenschaftliche Möglichkeit, Fragen nach dem ersten Anfängen und deren Bedeutung in Form von Geschichten zu beantworten.“ (Peter Enns) Seit Anbeginn der Menschheit, auf jedem Kontinent und in einem Großteil der alten Religionen findet sich ein Schöpfungsmythos. Christen glauben, dass dieser jüdische Schöpfungsmythos von Gott inspiriert ist, d. h. Gott will uns durch diese Geschichte etwas über den Anfang aller Dinge offenbaren.

Damit geht die Fragerei allerdings erst los. Und es geht hier nicht um die Autorität der Bibel als Gottes inspiriertes Wort. Es geht darum, wie dieses inspirierte Wort Gottes interpretiert werden soll. Wie will die Bibel verstanden werden? Und da gibt es verschiedene Sichtweisen:

Kreationismus: biblischer Schöpfungsmythos wird als wissenschaftlicher Bericht und der Schöpfungsglaube als wissenschaftliche Sichtweise verstanden. Dabei muss man unterteilen:

Junge Erde: Schöpfung in sechs Tagen, alles so erschaffen, wie es heute ist (wörtliches Bibelverständnis, fundamentalistisch) – wird von der Wissenschaft als unseriös abgetan. Der Glaube an eine 6000-10.000 Jahre alte Erde geht auf die Berechnungen eines irischen Erzbischofs zurück (James Ussher, Mitte 17. Jahrhundert). Laut seinem Bibelverständnis schuf Gott die Erde am Abend des 22. Oktober, 4004 v. Chr. – errechnet aus den Stammbäumen der Bibel.

Alte Erde: sechs Tage symbolisch für längere Zeiträume; Gap-Theory; Erde alt, Gott schuf in sechs Tagen den Lebensraum für Mensch und Tier, so wie den Menschen

„Intelligent Design“: Kreationismus wird in Amerika als Intelligent Design ‚verkauft‘. ID hat den Ansatz, dass man aus der Naturwissenschaft auf einen Schöpfer schließen muss. Man nimmt also nicht die Theologie (z. B. die Bibel) als Ausgangspunkt, sondern wissenschaftliche Beobachtungen. Gott wird nicht als eigentliche Ursache, sondern als wissenschaftliche Erklärung gelehrt. Problematisch: zu sagen, ‚Gott hat das Universum geschaffen‘ kann keine wissenschaftliche Aussage sein. Denn die Wissenschaft befasst sich mit dem Begründbaren, in Versuchen Nachprüfbaren. Auch wenn Religion und Wissenschaft voneinander lernen können, sind sie doch nicht das Selbe (Glaube ist keine Wissenschaft – Wissenschaft ist kein Glaube).

Theistische Evolution: Glaube an Gott als Schöpfer als Ausgangspunkt; aber: Gott schuf durch Evolution, d. h., er gebrauchte die natürliche Auslese, um die verschiedenen Arten entstehen zu lassen. (Beispiel: die BioLogos Foundation)

Wie schon gesagt: diese verschiedenen Sichtweisen existieren unter Christen, welche an die Inspiration der Bibel glauben. Die große Frage ist: Wie versteht die Bibel? Die Bibel ist im christlichen Glauben die inspirierte Offenbarung Gottes. Sie ist sehr vielfältig und enthält sehr viele unterschiedliche Textarten und Stilmittel. Dazu gehört z. B. auch Poesie. Deswegen ist es schwierig zu sagen, dass man die Bibel immer wörtlich verstehen/interpretieren muss. Die Bibel ist nicht als wissenschaftliches Buch geschrieben. Sie ist in erster Linie ein theologisches Buch. (Beispiel: Jesu Aussage in Matthäus 13,31-32; Senfkorn kleinster Same)

Der Glaube an einen Junge-Erde-Kreationismus wie er heute bei Evangelikalen Christen so weit verbreitet ist, ist eigentlich erst seit 50 Jahren so populär. Vorher hatten viele fromme Christen weniger ein Problem damit, dass die Erde auch so alt sein könnte, wie die Wissenschaft es sagt (ca. 14 Milliarden Jahre). Darwins Evolutionstheorie hat deswegen die Christen gar nicht so in ihren Grundfesten erschüttert, wie man vielleicht meinen würde.

Dass diese Form des Kreationismus so viele eifrige Verfechter hat – diese Sichtweise wird als einzige Option für einen konservativen, bibeltreuen Christen dargestellt – liegt vielleicht einfach an den zwei Lagern, die sich innerhalb der letzten 100 Jahre in einem theologischen Streit gebildet und gefestigt haben: liberal und fundamentalistisch/konservativ. Es wird von beiden Seiten viel polarisiert, d.h., man tut so, als könnte man nur das eine oder das andere sein. Als würden sich beide Seiten immer gegenseitig ausschließen.

Aber: Tatsache ist, dass der Junge-Erde-Kreationismus nicht die einzige Option für einen bibelgläubigen und bibeltreuen Christen ist. Für uns vielleicht überraschend, haben viele der ganz großen Theologen das auch verstanden:

„Ich frage mich, welcher intelligente Mensch die Vorstellung für vernünftig hält, dass der erste, zweite und dritte Tag, an dem es schon Morgen und Abend gab, ohne Sonne, Mond und Sterne existiert haben sollen? Ja, am ersten Tag gab es noch nicht mal einen Himmel! […] Ich denke nicht, dass irgendjemand bezweifelt, dass es sich hier um bildliche Ausdrücke handelt, die durch eine Ähnlichkeit in der Geschichte bestimmte Geheimnisse andeuten.“ (Origenes; Kirchenvater, Theologe, 185-254 n. Chr.)

„Vielleicht spricht die Heilige Schrift wie üblich innerhalb der Begrenzungen der menschlichen Sprache, und wendet sich an Menschen mit eingeschränktem Wissen. […] Der Bericht des inspirierten Autors bringt das Thema auf für Kinder verständliche Art herab.“ (Augustinus; Kirchenvater, Theologe, Philosoph, 354-430 n. Chr.)

„Der inspirierte Schreiber dieser Geschichte [1. Mose] … [schrieb] zuerst für die Juden. Da er die Schriften für eine Gemeinde anpasste, die sich noch im Säuglingsstadium befand, beschreibt er die Dinge gemäß ihrer äußerlichen, wahrnehmbaren Erscheinungen, damit wir – durch weitere Entdeckungen durch das göttliche Licht – dahin geleitet werden, die Geheimnisse zu verstehen, die sich darunter verborgen halten.“ (John Wesley; Prediger, Theologe, 18. Jahrhundert)

Ich glaube, dass es beim Schöpfungsglauben vor Allem um den Glauben an Gott als Ursache und Ursprung aller Dinge, aller Wesen und allen Lebens geht. Er entschied sich dazu, alles zu erschaffen, was existiert. Das ist bei diesem Thema der zentrale Punkt.

Was der Schöpfungsbericht uns lehrt:

Das Universum ist eine Schöpfung Gottes. Alle Ordnung, alle Lebenskreisläufe und alle Vielfalt haben ihren Ursprung in Gott. Seine Schöpfung ist Ausdruck seiner Ordnung (kosmos), seiner Kreativität, Schönheit und Größe. Er ist ein Künstler, Ingenieur und Dirigent.

Die Reihenfolge im Schöpfungsbericht zeigt uns, dass der Mensch im Zentrum von Gottes Schöpfung steht. Die Umwelt ist wichtig. Pflanzen sind wichtig. Tiere sind wichtig. Aber der Mensch ist wichtiger. Er ist allein im Ebenbild Gottes geschaffen – als Person mit Willen, Emotionen und Verstand.

Gottes ursprünglicher Plan ist eine Harmonie zwischen dem Menschen und seiner Umwelt und zwischen Mann und Frau.

Der Mensch hat die Aufgabe, dass zu tun, was er als einziger tun kann: die Verantwortung für diesen Planeten tragen.

Was der Schöpfungsbericht uns predigt:

Mit allem, was wir über Gott durch Offenbarung wissen, kommt auch eine entsprechende Verantwortung.

„Doch vom Himmel her wird Gottes Zorn sichtbar über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit ablehnen. Dabei wissen sie von Gott; Gott selbst hat ihnen diese Erkenntnis gegeben. Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen. Deshalb haben sie keine Entschuldigung dafür, von Gott nichts gewusst zu haben. Obwohl sie von Gott wussten, wollten sie ihn nicht als Gott verehren oder ihm danken. Stattdessen fingen sie an, sich unsinnige Vorstellungen von Gott zu machen, und ihr Verstand verfinsterte sich und wurde verwirrt. Sie behaupteten, weise zu sein, und wurden dabei zu Narren. Statt den herrlichen, ewigen Gott anzubeten, beteten sie Götzenbilder an, die vergängliche Menschen darstellten, oder Vögel, Tiere und Schlangen. (Römer 1,18-23; NL)

Für Paulus war es logisch, dass ein materielles Universum einen immateriellen Ursprung in einem persönlichen, unsichtbaren, ewigen Schöpfergott haben muss. Dieses Wissen hat jeder Mensch von Natur aus mitbekommen, es ist intuitiv. Und weil ich das weiß, müsste mir auch bewusst sein, dass es nicht nur unlogisch, sondern falsch ist, etwas Erschaffenes anzubeten anstatt den Schöpfer.

Letztendlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder bete ich Gott, den Schöpfer an, oder irgendetwas Erschaffenes. Das nennt man Götzendienst, und dafür gibt es – wegen der Schöpfung – keine Entschuldigung.

Nur die Anbetung des ewigen, unsichtbaren, allmächtigen Vaters aller Dinge macht wirklich Sinn. Das predigt uns die Schöpfung.

Steven Milverton kann uns nicht stoppen… ;°)

Vor einigen Wochen gab es einen unsachlichen Beitrag über die Ablehnung unseres Antrags auf Trägerschaft bei der freien Jugendhilfe auf dem Blog von ‚Steven Milverton‘. Um sich über uns lustig zu machen, zog er sich ein Blog-Bild von unserem letzten Jugendeinsatz in Istanbul. Wir baten ihn, dieses Bild runterzunehmen. Der Grund war ganz einfach, dass wir nicht wollen, dass unsere Jugendlichen so zum Spott für Christenhasser werden.

Ich versuchte, einen konstruktiven Dialog mit Steven Milverton zu führen. Leider funktionierte das nicht so richtig. Ich wurde ignoriert, beschimpft und polemisiert. Zugegebenerweise war ich schon ziemlich verärgert, aber ich bin trotzdem drangeblieben. Bis zu dem Punkt, wo die erste positive Diskussion, die sich entwickelte, geblockt wurde. Ihr könnt euch selber ein Bild davon machen, indem ihr euch die Beiträge ‚Lieber Hans!‘ und ‚Evangelikale Methodologie‘ lest. Der Fragesteller (Oliver_HH) in dem ‚Lieber Hans!‘-Beitrag und ich wurden aufgefordert, diese Diskussion nicht-öffentlich (per eMail) weiterzuführen. Da halte ich aber nichts von. Deswegen veröffentliche ich jetzt hier nochmal die Fragen von Oliver aus Hamburg und meine Antwort dazu. Die hatte ich schonmal geschrieben, wurde aber als Comment bei Steven nicht freigegeben. Auch auf Anfrage von Oliver bekam er keine Antwort. Kurz gesagt: alles Gründe, weiter öffentlich darüber zu sprechen!

Hier kommen die Fragen von Oliver:

„Mir geht’s ähnlich wie Steven – ich find’s nicht ganz irrelevant, wer angefangen hat. Und warum sich die Evangelikalen so gern mit Homosexualität beschäftigen, verstehe ich auch nicht. Selbst wenn man die Bibel beim Wort nimmt, wie Sie sagen: Es geht ja nur an ganz wenigen Stellen um Homosexualität. Jesus sagt zu Homosexualität überhaupt nichts (genauso wie zu family values, die man bei den Evangelikalen ja auch gerne hochhält). Mir fällt z.B. auf, dass in den Evangelien sehr oft von Armut die Rede ist: „Wenn Du vollkommen sein willst, geh, verkauf Deinen Besitz und gib das Geld den Armen“ (Mt 19,21). Oder „Weh euch, wenn ihr reich seid, ihr habt keinen Trost zu erwarten (Lk 6,24) und diverse andere Stellen.

Nach meiner Beobachtung werden diese Stellen auch von Christen, die die Bibel sonst gerne wörtlich nehmen (etwa beim Thema Homosexualität), nicht wörtlich befolgt. Mich würde interessieren, wie man es rechtfertigen kann, dieselbe Bibel zu zwei verschiedenen Themen so unterschiedlich zu interpretieren: Wörtlich, wenn es Homosexualität geht, die aber mit einer Ausnahme nur im AT erwähnt wird. Eher symbolisch, wenn es um Themen geht, zu denen sich Jesus selbst geäußert hat (und die er gelebt hat). Auf eine Antwort von Ihnen wäre ich gespannt.“
Als ich schrieb, dass es irrelevant sei, darüber zu streiten, ‚wer angefangen hat‘ (also mit den Vorwürfen bzw. Vorverurteilungen), meinte ich damit nicht, dass es egal sei. Natürlich muss man für ein Schuldeingeständnis bereit sein, um die Fronten aufweichen zu können. Aber: 1) Ich für meinen Teil glaube nicht, den Anfang des Streits kirchengeschichtlich festmachen zu können. Deswegen kann ich eigentlich nicht wirklich helfen, die Antwort auf die Frage zu finden. 2) Außerdem meinte ich irrelevant für diese Diskussion. Also man kann bestimmte Sachverhalte ausdiskutieren, ohne die ‚wer hat angefangen-Frage‘ zuerst geklärt haben zu müssen. Ich für meinen Teil habe bestimmt keinen Streit über Homosexualität vom Zaun gebrochen. Es wurde von den Politikern hier in Siegen thematisiert.
Ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich schon regelmäßig mehrmals wöchentlich predige, nur ein einziges Mal über Homosexualität als Thema gepredigt. Bei der Vers-für-Vers Lehre durch das Fünfbuch Mose kam die Sexualmoral natürlich auch das ein oder andere Mal vor. Aber ich predige ca. 90 verschiedene Predigten pro Jahr.  Sexualmoral ist in der Jugendarbeit schon ein wichtiges Thema – Homosexualität war es wie gesagt nur einmal. Und das, weil wir 2-3 homosexuelle Jungs in der Jugendgruppe hatten, und sowohl diese Jungs als auch die anderen in der Jugend fingen an, Fragen zu stellen. Insgesamt ist es in der evangelikalen Welt ein Randthema. Gerade die Homosexuellen selber sind aber dafür sensibilisiert. Deswegen wird es anders wahrgenommen.
Warum sagt Jesus nichts direktes im Bezug auf Homosexualität oder Familienwerte? Aus dem gleichen Grund, warum er nichts (direktes) im Bezug auf verschiedene andere Themen sagt. Er war ein jüdischer Rabbi. In manchen Punkten konfrontierte Jesus die verdrehten Lehren der Theologen seiner Zeit. Ansonsten wird sein Stillschweigen logischerweise als Zustimmung der bestehenden Moral (und dazu gehört auch die Sexualmoral und die Familienwerte) gewertet. Laut der Bergpredigt kam Jesus nicht, um das Gesetz und die Propheten abzuschaffen, sondern zu erfüllen.

Hinter deiner Frage bezüglich Armut/Reichtum steht der Vorwurf des selektiven Literalismus. D. h., man nimmt nur bestimmte Stellen der Bibel in der Auslegung wörtlich, andere nicht. Jeder, der sich mit der Bibel befasst, muss sich natürlich fragen, wie die Bibel verstanden werden soll. Hilfreich sind hier die Fragen nach der Textgattung oder des kulturellen Hintergrunds.  Bibelgelehrte sind sich nicht in Allem einig. Und deswegen muss sich letztendlich jeder selber die Frage stellen: lasse ich die Bibel etwas sagen, was sie eigentlich gar nicht sagt, weil mir die direkten Aussagen zu unbequem sind? Von daher ist deine Frage eine gute und wichtige Frage. Und manche Christen verstehen Jesu Worte im Bezug auf Armut auch wörtlich. Es ist eins der Gelübde vieler Mönchsorden.

Zu den von dir angeführten Stellen: in Matthäus 19 wird im Kontext eine Begegnung zwischen Jesus und dem sogenannten ‚reichen Jüngling‘. Der wollte wissen, was er machen musste, um das ewige Leben zu erlangen. In dem Gespräch mit Jesus wird deutlich, dass es nicht einfach darum geht ‚alles richtig zu machen‘. Es geht um die Frage, was in unserem Leben das Sagen hat. Im Beispiel des reichen Jünglings war es das Geld. Deswegen konfrontiert Jesus ihn in diesem Punkt. Leider war dieser Mann nicht bereit, sich von seinem Geld zu trennen. Es geht in dieser Geschichte nicht darum, Geld/Reichtum per se schlecht zu machen.

Hier der Kontext des von dir zitierten Verses aus Lukas 6:

„Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Aber dagegen: Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan.“

Die überspitzten Darstellungen sind ein rethorisches Mittel, um einen möglichst großen Kontrast zu erzeugen. Das ist keine Ausrede, sondern ein bekanntes Stilmittel der jüdischen Didaktik. Man findet es in der ganzen Bibel sehr häufig. Jesus will weder sagen, dass es geistlicher sei, arm, hungrig, traurig, gehasst, ausgestoßen, geschmäht und verworfen zu sein, noch, dass es ungeistlicher wäre, wenn man reich, satt, fröhlich und beliebt ist. Vielmehr geht es hier darum, darzustellen, dass Glück und Unglück nicht einfach an irdischen Dingen festzumachen sind. Tatsächlich ist es z. B. möglich, finanziell arm aber geistlich reich (bzw. umgekehrt) zu sein.

Auch wenn es manchmal so wahrgenommen wird, fallen die Entscheidungen darüber, wo die Bibel symbolisch spricht und wo nicht, nicht willkürlich. Und wenn es doch geschieht, ist es nicht in Ordnung. Beantwortet das deine Frage?