Wer bist du eigentlich?

Wer bin ich eigentlich?

‚Was machst du in Köln?‘ Mit dieser Frage werde ich von mehreren Seiten konfrontiert. Da sind auf der einen Seite die Freunde aus unserer Heimatgemeinde. Von denen kommend meint die Frage, womit ich konkret meine Stunden täglich fülle. Dann kommt die Frage von den Menschen, die ich hier in Köln treffe – Geschwister aus anderen Gemeinden, aber auch Nichtchristen. Da geht die Bedeutung der Frage schon tiefer: ‚Was ist deine Motivation? Was siehst du als deine Aufgabe? Welches Ziel willst du erreichen?‘ Und dann stelle ich mir diese Frage selbst. Das ist die tiefste Ebene. Andere kann man mit den richtigen Antworten zufriedenstellen. Sich selbst irgendwann nicht mehr.

Mir ist aufgefallen, dass es auch im vollzeitlichen Gemeindedienst relativ leicht ist, sich über das zu definieren, was man macht. Leichter, als darüber nachzudenken, wer man eigentlich ist. Durch ein Gespräch gestern wurde mir klar, dass ich bis jetzt eigentlich nur überlegt und geplant habe, was ich alles hier in Köln machen sollte/will. Vielleicht klang mir die Frage ‚Wer oder was willst du in Köln sein?‘ zu psychologisch. Wahrscheinlich habe ich sie aber einfach zu schnell und oberflächlich beantwortet: Gemeindegründer. Christ. Dabei ist es wortwörtlich grundlegend, diese Frage wirklich zu beantworten. Es reicht mir nicht mehr, die theologisch richtigen Antworten geben zu können. Ich will, nein, ich muss mich ehrlich mit ihnen auseinandersetzen. Von der richtigen Antwort hat keiner was. Gott kennt sie sowieso schon. Aber mit der ehrlichen Antwort kann man arbeiten. Die taugt als Grundlage.

Wer ist Jesus eigentlich?

Auf der Suche nach der ehrlichen Antwort hilft mir die Stelle Johannes 1,1-23. Der Text beginnt mit einer unglaublichen Beschreibung von Jesus Christus in den Versen 1-18. Johannes beschreibt ihn in all seiner Größe, Herrlichkeit und Göttlichkeit und erklärt, wie sich diese Eigenschaften in seiner Menschwerdung und in seinem Menschsein zeigten. Ein faszinierender Abschnitt. Jesus ist Gott, er ist das schöpferische Wort Gottes, in ihm ist Leben und Licht, er ist voller Gnade und Wahrheit, er ist die Offenbarung Gottes. In ihm ist all das, was Gott uns geben und was er für uns sein will zu uns Menschen in unsere Dunkelheit, Unwissenheit und Ablehnung gekommen.

Wer ist Johannes der Täufer eigentlich? – kein Messiaskomplex

Dann beschreibt Johannes eine Begegnung zwischen Johannes dem Täufer und den politisch Mächtigen sowie der religiösen Elite: „Die führenden Männer des jüdischen Volkes schickten Priester und Leviten aus Jerusalem zu Johannes, um ihn zu fragen: »Wer bist du eigentlich?«“ (Vers 19) Eine gute Frage: Sag uns, für wen du dich hältst. Dann können wir dich – anhand deiner Antwort – besser einordnen. Und Johannes scheute sich nicht, diese Frage zu beantworten: „Johannes schwieg nicht, sondern bekannte klar und deutlich: »Ich bin nicht der Christus.«“ (Vers 20)

Johannes der Täufer war ein besonderer Mensch mit einer außergewöhnlichen Aufgabe. Ich glaube, dass sein klares Verständnis seiner eigenen Identität ihm Autorität verlieh. Seine Stimme fand Gehör. Er bewegte ein ganzes Volk. Die Frage, wer er eigentlich sei, beantwortet er zunächst dadurch, dass er ganz klar und deutlich sagt, wer er nicht ist: ‚Ich bin nicht der Christus‘. Für jemanden im geistlichen Dienst ist diese Erkenntnis unheimlich wichtig. All die wunderbaren Dinge, die im ersten Abschnitt des Kapitels über Jesus gesagt werden, treffen auch nur auf Jesus zu. Es sind alles Dinge, die Jesus allein ausmachen – sonst niemanden.

Wenn ich mich mit der Frage auseinandersetze, wer ich bin, bzw. wer oder was ich hier in Köln sein will, muss ich mich in dieser Hinsicht immer wieder von Jesus abgrenzen. Ich bin nicht hier, um Köln zu retten. Ich bin nicht der Verheißungsträger. Ich bin nicht der Christus. Vielleicht sind Menschen, die eine sehr intensive, spirituelle, übernatürliche Erfahrung gemacht haben, anfälliger dafür, sich selbst für den gesalbten und erleuchteten Retter zu sehen. Und obwohl ich unglaubliche Erlebnisse gemacht habe, war mir seit Jahren klar, dass ich kein Retter für irgendjemanden sein kann. Ich kann niemanden retten.

Was mir aber nicht aufgefallen ist, ist die Dynamik hinter meiner Gebetslosigkeit im Dienst. Ich habe nicht realisiert, dass ich mich so verhalte, als wäre ich doch der Christus, wenn ich versuche, das zu tun, wovon Jesus gesagt, hat, dass ich es nicht tun kann: geistliche Frucht bringen und den Vater verherrlichen (Johannes 15,5). Nur Jesus hat das ewige Leben als intrinsische Eigenschaft. Nur er ist die Quelle. Wenn ich also einfach mit geistlichem Dienst weiter mache, ohne die Verbindung zu ihm zu halten, fange ich (unbewusst) damit an, zu versuchen, Jesus zu sein. Das geschieht, weil ich probiere, ihnen aus mir selbst heraus etwas zu geben, was nur Jesus ihnen geben kann. Darum ist das verbunden Bleiben mit Jesus, sind geistliche Tiefe und Charakter so wichtig. Tim Keller schreibt:

„Wenn unser Herz Gott vergisst, kann unser Dienst zu einem heidnischen Opfer verkommen – ein Versuch, uns selbst und andere davon zu überzeugen, dass wir wer sind. Vielleicht sind wir in mancherlei Hinsicht erfolgreich, aber Ungeduld, Reizbarkeit, Stolz, verletzte Gefühle, Neid und Prahlerei werden uns verraten.“

Jon Courson sagt in seiner Predigt über diese Stelle: „Wenn du (…) nicht erheblich viel Zeit im Gebet verbringst, kannst du zwar behaupten ‚Ich bin nicht der Christus‘, aber du lebst so, als wärst du es doch.“

Eine Theologin schrieb: „Beten gilt dem gegenwärtigen nachchristlichen Bewusstsein als Ersatzhandlung.“ (Sölle)

Genau das habe ich viel  zu lange getan, und habe den Preis dafür bezahlen müssen. Damit muss jetzt Schluss sein. Ich bin nicht der Christus.

Wer ist Johannes der Täufer eigentlich? – keine großmannssucht

»Wer bist du dann?«, fragten sie. »Bist du Elia?« »Nein«, erwiderte er. »Bist du der Prophet?« »Nein.« (Vers 21)

Als erstes hatte Johannes der Täufer klar gestellt, wer er nicht war: der – von den einen sehnlichst herbeigewünschte, von den anderen als Bedrohung gefürchtete – Messias. Doch die Fragesteller hakten nach. Sie versuchten, ihn mit zwei anderen, großen Persönlichkeiten zu identifizieren, die im jüdischen Glauben mit dem Kommen des Messias in Verbindung gebracht wurden: dem alttestamentlichen Propheten Elia, der, laut Maleachi, als Wegbereiter des Messias auftreten sollte, und ‚dem Propheten‘, angekündigt von Mose höchstpersönlich. Bist du Elia? Bist du der Prophet? Bist du berühmt, bedeutsam, wichtig? Wirst du unsere Erwartungen in dieser Hinsicht erfüllen?

Später würde Jesus selbst über Johannes sagen, dass in ihm die Elia-Verheißung des Maleachi tatsächlich erfüllt worden ist (Markus 9,11-13). Aber, und das ist es ja worum es in diesem Absatz geht, Johannes hielt sich nicht selbst für einen bedeutenden Propheten. In seinen Augen war er nicht nur ’nicht der Christus‘, er war noch nicht mal irgendjemand, der in Verbindung mit diesem Christus eine einzigartige, heilsgeschichtliche Rolle spielte. Er sah sich selbst nicht als unersetzlichen Knecht Gottes.  Deswegen antwortete er auf die Fragen, ob er Elia oder der Prophet sei, mit einem knappen ‚Nein‘. Keine weiteren ausführenden Erklärungen.

Außer Jesus selbst ist – heilsgeschichtlich gesehen – kein Mensch unersetzlich. Ganz pragmatisch betrachtet, hätte Gott alles auch genauso durch andere Menschen – oder ganz ohne Mithilfe von Menschen tun können. Deswegen sollte sich keiner in Gottes Plan für unersetzlich oder bedeutsam halten. Einem der Wesley Brüder wird das Zitat „God buries his workmen, but carries on his work“, also „Gott begräbt seine Arbeiter, aber führt sein Werk weiter fort“ zugeschrieben. Das widerspricht natürlich unserem natürlichen Wunsch, etwas Besonders und besonders Wichtig sein zu wollen. Wir möchten lieber hören, dass wir einen strategisch wichtigen Platz in Gottes Plan zur Rettung dieser Welt haben, und wir verdrehen die Aussagen der Bibel, um dieses psychologische Verlangen  zu stillen. Weil Gott Liebe ist, hat jeder Mensch einen wichtigen Platz in Gottes Herzen. Aber in Gottes Werk gibt es keine Helden. Oswald Chambers schreibt:

„Wir sind nicht dazu berufen, Helden, sondern unauffällige Jünger zu sein. Wenn zwischen uns und Gott alles in Ordnung ist, ist für ihn die kleinste Tat, die wir aus Liebe zu ihm tun, kostbarer als das Halten einer Predigt. Wir haben in unser Konzept vom Christsein heroische Vorstellungen mit eingebracht, die ihren Ursprung im Heidentum, und nicht in der Lehre unseres Herrn haben. Jesus sagte seinen Jüngern, dass sie als Niemande behandelt werden würden. An keinem Punkt sagte er ihnen eine Zukunft als brilliante oder bewundernswerte Menschen voraus. In uns allen schlummert der versteckte Wunsch, dass wir Gottes Ausstellungsstücke in seiner Vitrine sein möchten.  Aber Jesus will uns nicht als seine Musterobjekte…“ (So send I you)

Ich bin auch nicht hier in Köln, weil Gott mich hier braucht, oder weil ich einen bedeutenden (oder gar unersetzlichen) Teil in seinem Plan für Köln spielen würde. Weder Köln noch Gott haben darauf gewartet, dass ich endlich nach Köln ziehe. Gott hat keinerlei Verpflichtungen, mich zu gebrauchen. Dieses Wissen ist nicht nur psychologisch und geistlich gesund, es tut auch gut und befreit. Gutgemeinte Ermutigungen von Glaubensgeschwistern, die das Gegenteil behaupten, darf man lächelnd abtun.

Wer ist Johannes der Täufer eigentlich? – Eine Stimme

»Wer bist du dann? Sag es uns, damit wir die Antwort denen überbringen können, die uns geschickt haben. Was sagst du selbst, wer du bist?« Johannes antwortete mit den Worten des Propheten Jesaja: »Ich bin eine Stimme, die in der Wüste ruft: `Ebnet den Weg für das Kommen des Herrn!´« (Verse 22-23)

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Johannes den Abgesandten des Hohen Rates nur darüber Auskunft gegeben, wer bzw. was er alles nicht war. Über seine Identität hatte er sie – im Sinne einer positiven Aussage – noch im Unklaren gelassen. Doch die Fragesteller bohren weiter, und Johannes gibt ihnen tatsächlich auch noch eine ‚vernünftige‘ Antwort. Er antwortete ihnen mit den Worten des Propheten Jesaja.

Das zeigt mir folgendes: Er fand seine Identität in der Heiligen Schrift. Auch wenn es nicht die großen Helden, die wichtigen Persönlichkeiten waren, mit denen er sich identifizierte, kannte er seinen Auftrag. Er fand sich in der Jesajastelle wieder, in der es um die Vorbereitung des Volkes Israel auf den bald kommenden Messias ging. In Jesaja 40,3 spricht der Prophet von einer Stimme, die das Volk dazu auffordert, sich bereit zu machen. Johannes der Täufer sagt: Ich bin diese Stimme.

Eine Stimme sieht man nicht, man hört sie. Johannes ließ seine Stimme nicht mal in den geschäftigen Straßen Jerusalems erklingen, sondern in der kargen Felswüste außerhalb der größeren Orte. Trotzdem war die Vollmacht seiner Stimme so gewaltig, dass sie im ganzen Land erklang. Er brachte reichlich geistliche Frucht – die Menschen kamen aus dem ganzen Land, um sich von ihm taufen zu lassen.

Jeder Christ ist dazu berufen, eine Stimme zu sein. In mancherlei Hinsicht ist die lauteste Stimme, die wir als Christen haben, die Stimme der guten Werke. Unser Leben predigt die deutlichste Botschaft. Aber gleichzeitig hat die Gemeinde von Anfang an den Auftrag der Verkündigung. Die gute Botschaft muss gelebt, erklärt und proklamiert werden.

Ich glaube, dass ich als Christ eine Stimme in Köln sein soll. Eine Stimme, die das heranbrechende Königreich Gottes in dieser Stadt (ein Reich, dass in Gerechtigkeit, Friede und Freude besteht) verkündigt. Jesus ist das Wort – ich bin nur eine Stimme von vielen in dieser Stadt.

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