Archiv für Juli 2011

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Der ewige Neuanfang

Das Reich Gottes besteht nicht aus Regeln, sondern Friede, Freude und Gerechtigkeit. Nicht bloß aus Worten, sondern aus lebensverändernder Kraft. Jesus nennt es ‚ewiges Leben‘, und meint damit nicht die Länge, sondern die göttliche Qualität. Es ist ein Stück Himmel auf Erden. Jesus ist gekommen um durch seinen Tod den Himmel in diese Welt hineinzupflanzen. Unscheinbar wie ein Senf- oder ein Weizenkorn hat alles begonnen – aber daraus ist ein Riesen-Baum gewachsen. Groß genug, dass sich alle möglichen Vögel in seinen Zweigen einnisten konnten…

In einem nächtlichen Gespräch mit einem jüdischen Theologen, der durchaus die göttliche Bestätigung auf dem Leben von Jesus anerkannte, kommt im Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 3 dieser interessante Satz vor: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen (sehen = Hebraismus: erleben). Du musst nochmal geboren werden. Aber was genau meint Jesus mit dieser Metapher? Eine neue Geburt ist ein totaler Neuanfang. Der neugeborene Mensch ist fleischgewordene Abhängigkeit – aber auch instinktives Vertrauen.

Aus den weiteren Erklärungen wird deutlich, dass diese Neugeburt etwas ist, was Gott der Heilige Geist hier auf der Erde tut. Es ist göttlichen Ursprungs. Was möchte Jesus mit dieser rätselhaften Aussage bewirken? Ich glaube, er will Nikodemus dahin bringen, seine Abhängigkeit vom Lebensspender zu realisieren. Zu sagen: ‚Du musst nochmal geboren werden‘ ist ja nichts, was man dann einfach praktisch umsetzen könnte. Eine zweite Geburt kann man genauso wenig beeinflussen wie man sich das geboren Werden als Mensch nicht aussuchen konnte.

Ähnlich die zweite Metapher: Der Wind weht wo er will, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt oder wohin er geht. Du kannst ihn nur hören, aber nicht steuern. Der Baum kann seine Äste und Zweige nicht bewegen, wann er es gerade möchte. Wenn der Wind nicht weht, bewegt sich nichts.

In der evangelikalen Tradition legen wir diesen Text eigentlich immer dahingehend aus, dass es zwei Gruppen von Menschen gibt: die Wiedergeborenen, die an einem Punkt von Gott lebendiggemacht, bewegt wurden, und seitdem das Reich Gottes erleben können, und die Nicht-Wiedergeborenen, die diese Erfahrung noch suchen müssen.

Ich würde diese Sichtweise gerne etwas erweitern. Für mich sind die Worte von Jesus hier auch eine Anleitung für das tägliche, geistliche Leben. Es geht nicht nur um die Qualifikation für ein einmaliges Betreten des himmlischen Reiches, sondern soll uns eine allgemeine, geistliche Wahrheit lehren. Wie kann ich täglich das Reich Gottes erleben? Die Antwort aus dem Text: ich kann es nicht selbst steuern oder beeinflussen. Ich muss anerkennen, dass göttliches, ewiges Leben mir von außerhalb gespendet werden muss. Ich bin brauche den Wind (= Geist, Atem) Gottes, der mich bewegt. Ich muss alle Erfahrungen, alles Wissen und alle Sünden jeden Tag wieder neu hinter mir zurücklassen. Jeder Tag ist für mich Tag Null. Der ewige Neuanfang.

Kann ich denn gar nichts machen? Doch: diesen Worten glauben. In den anschließenden Versen 14-15 heißt es dann: „Mose richtete in der Wüste den Pfahl mit der bronzenen Schlange auf. Genauso muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die sich im Glauben ihm zuwenden, durch ihn ewiges Leben bekommen.“ (GNB)

Damit knüpft er an eine Geschichte aus dem Alten Testament an (4. Mose 21), die jeder Mal für sich selbst lesen sollte. Jesus sagt Nikodemus: ich werde an einem Kreuz ‚erhöht‘ werden. Wer dann zu mir aufblickt, und glaubt, wird das ewige Leben schmecken. Der Wind weht zwar wann und wo er will. Aber Jesus zeigt uns doch, von wo er weht: vom Kreuz. Dahin muss ich schauen, glauben und warten. Täglich. Das ist das einzige Gegenmittel für die verschiedenen Gifte, die ich täglich (gewollt oder ungewollt) in mich aufnehme. Leben kommt von ihm.

„Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab. Nun werden alle, die sich auf den Sohn Gottes verlassen, nicht zugrunde gehen, sondern ewig leben.“

Ein toter Hund am Tisch des Königs

Gerade habe ich 2. Samuel 9 gelesen, und bin berührt, was für eine tolle Illustration diese Geschichte ist. Es ist das Evangelium, die gute Nachricht von Gottes Liebe, die in diesem Kapitel sichtbar wird. Eine Liebe, die sich an uns erinnert, die uns zu sich holt, die uns beschenkt und die uns adelt.

Verse 1-6: König David erinnert sich daran, dass er seinem – inzwischen verstorbenen – besten Freund, Prinz Jonathan, etwas versprochen hatte: Er hatte versprochen, dessen Familie nicht zu vergessen und ihnen Gutes zu tun. Er lässt Mefi-Boschet suchen und lässt ihn zu sich bringen. Mefi-Boschet ist an beiden Beinen gelähmt. Als Enkel des Königs Saul wäre er eigentlich – da Saul und dessen Sohn Jonathan in der Schlacht gefallen waren – Thronanwärter gewesen. Doch aufgrund der veränderten Lage war ihm nichts geblieben. Genauso erinnert sich König Jesus auch an diejenigen, die verachtet, hilfsbedürftig und vergessen waren. Er erinnert sich an sein Versprechen, und will ihnen in Gottes Namen Gutes tun. Jesus kam, um das Verlorne zu suchen  und zu retten. Er kam nicht für die Gesunden und Starken, sondern für die Kranken und Schwachen. Gott hat dich nicht vergessen.

Vers 7: König David gibt Mefi-Boschet allen Besitz wieder, der seinem Großvater, König Saul, einmal gehört hatte. Doch damit nicht genug: Er besteht darauf, dass Mefi-Boschet von nun an immer mit ihm essen sollte. Er gibt ihm den Platz, den er verloren hatte, wieder. So auch Jesus: er gibt das verlorene Erbe wieder zurück. Er stellt uns wieder her, und beschenkt uns.  Er lädt uns zu seinem königlichen Tisch ein, will uns bei sich haben.

Vers 8: „Diejenigen, welche wissen, dass sie Freundlichkeit am Wenigsten verdient haben, wissen sie am Meisten zu schätzen.“ Mefi-Boschet, eben noch irgendwo im Exil auf dem Land, ohne Besitz, wird auf einen Schlag zu einem reichen Königssohn. Überwältigt von dieser Freundlichkeit wirft er sich zu Boden nieder und bekennt seine Unwürdigkeit. Wem bewusst ist, wir arm und vergessen er ohne Jesus war, der wird ebenfalls den König dankbar und voller Freude anbeten.

Verse 9-10: König David weiß, dass Mefi-Boschet aufgrund seiner Behinderung weiterhin auf Hilfe angewiesen war. Deswegen stellt er ihm Diener zur Seite, die ihm helfen, sein Land zu bebauen. Auch König Jesus weiß, dass wir trotz Allem unfähig sind, und Hilfe und Dienst nötig haben. Seine zu uns gesandten Diener/Helfer (Engel, Menschen, Sakramente, den Heiligen Geist,…) machen es uns möglich, das Leben, das er für uns vorbereitet hat, ganz auszukosten.

Verse 11-13: Für König David war die Einladung zu den gemeinsamen Mahlzeiten keine höfliche Floskel. Er adoptierte Mefi-Boschet sozusagen in seine Familie, behandelte ihn wie einen Sohn. Genau das ist auch die Verheißung des Evangeliums: Gott will uns nicht nur Gutes tun und uns segnen – er nimmt uns in seine Familie, in sein Haus auf. Wie Mefi-Boschet an König Davids Tisch können wir täglich am reich gedeckten Tisch des himmlischen Königs sitzen. Seine Liebe adelt uns.