Posts Tagged ‘ Calvary Chapel Siegen ’

Steven Milverton kann uns nicht stoppen… ;°)

Vor einigen Wochen gab es einen unsachlichen Beitrag über die Ablehnung unseres Antrags auf Trägerschaft bei der freien Jugendhilfe auf dem Blog von ‚Steven Milverton‘. Um sich über uns lustig zu machen, zog er sich ein Blog-Bild von unserem letzten Jugendeinsatz in Istanbul. Wir baten ihn, dieses Bild runterzunehmen. Der Grund war ganz einfach, dass wir nicht wollen, dass unsere Jugendlichen so zum Spott für Christenhasser werden.

Ich versuchte, einen konstruktiven Dialog mit Steven Milverton zu führen. Leider funktionierte das nicht so richtig. Ich wurde ignoriert, beschimpft und polemisiert. Zugegebenerweise war ich schon ziemlich verärgert, aber ich bin trotzdem drangeblieben. Bis zu dem Punkt, wo die erste positive Diskussion, die sich entwickelte, geblockt wurde. Ihr könnt euch selber ein Bild davon machen, indem ihr euch die Beiträge ‚Lieber Hans!‘ und ‚Evangelikale Methodologie‘ lest. Der Fragesteller (Oliver_HH) in dem ‚Lieber Hans!‘-Beitrag und ich wurden aufgefordert, diese Diskussion nicht-öffentlich (per eMail) weiterzuführen. Da halte ich aber nichts von. Deswegen veröffentliche ich jetzt hier nochmal die Fragen von Oliver aus Hamburg und meine Antwort dazu. Die hatte ich schonmal geschrieben, wurde aber als Comment bei Steven nicht freigegeben. Auch auf Anfrage von Oliver bekam er keine Antwort. Kurz gesagt: alles Gründe, weiter öffentlich darüber zu sprechen!

Hier kommen die Fragen von Oliver:

„Mir geht’s ähnlich wie Steven – ich find’s nicht ganz irrelevant, wer angefangen hat. Und warum sich die Evangelikalen so gern mit Homosexualität beschäftigen, verstehe ich auch nicht. Selbst wenn man die Bibel beim Wort nimmt, wie Sie sagen: Es geht ja nur an ganz wenigen Stellen um Homosexualität. Jesus sagt zu Homosexualität überhaupt nichts (genauso wie zu family values, die man bei den Evangelikalen ja auch gerne hochhält). Mir fällt z.B. auf, dass in den Evangelien sehr oft von Armut die Rede ist: „Wenn Du vollkommen sein willst, geh, verkauf Deinen Besitz und gib das Geld den Armen“ (Mt 19,21). Oder „Weh euch, wenn ihr reich seid, ihr habt keinen Trost zu erwarten (Lk 6,24) und diverse andere Stellen.

Nach meiner Beobachtung werden diese Stellen auch von Christen, die die Bibel sonst gerne wörtlich nehmen (etwa beim Thema Homosexualität), nicht wörtlich befolgt. Mich würde interessieren, wie man es rechtfertigen kann, dieselbe Bibel zu zwei verschiedenen Themen so unterschiedlich zu interpretieren: Wörtlich, wenn es Homosexualität geht, die aber mit einer Ausnahme nur im AT erwähnt wird. Eher symbolisch, wenn es um Themen geht, zu denen sich Jesus selbst geäußert hat (und die er gelebt hat). Auf eine Antwort von Ihnen wäre ich gespannt.“
Als ich schrieb, dass es irrelevant sei, darüber zu streiten, ‚wer angefangen hat‘ (also mit den Vorwürfen bzw. Vorverurteilungen), meinte ich damit nicht, dass es egal sei. Natürlich muss man für ein Schuldeingeständnis bereit sein, um die Fronten aufweichen zu können. Aber: 1) Ich für meinen Teil glaube nicht, den Anfang des Streits kirchengeschichtlich festmachen zu können. Deswegen kann ich eigentlich nicht wirklich helfen, die Antwort auf die Frage zu finden. 2) Außerdem meinte ich irrelevant für diese Diskussion. Also man kann bestimmte Sachverhalte ausdiskutieren, ohne die ‚wer hat angefangen-Frage‘ zuerst geklärt haben zu müssen. Ich für meinen Teil habe bestimmt keinen Streit über Homosexualität vom Zaun gebrochen. Es wurde von den Politikern hier in Siegen thematisiert.
Ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich schon regelmäßig mehrmals wöchentlich predige, nur ein einziges Mal über Homosexualität als Thema gepredigt. Bei der Vers-für-Vers Lehre durch das Fünfbuch Mose kam die Sexualmoral natürlich auch das ein oder andere Mal vor. Aber ich predige ca. 90 verschiedene Predigten pro Jahr.  Sexualmoral ist in der Jugendarbeit schon ein wichtiges Thema – Homosexualität war es wie gesagt nur einmal. Und das, weil wir 2-3 homosexuelle Jungs in der Jugendgruppe hatten, und sowohl diese Jungs als auch die anderen in der Jugend fingen an, Fragen zu stellen. Insgesamt ist es in der evangelikalen Welt ein Randthema. Gerade die Homosexuellen selber sind aber dafür sensibilisiert. Deswegen wird es anders wahrgenommen.
Warum sagt Jesus nichts direktes im Bezug auf Homosexualität oder Familienwerte? Aus dem gleichen Grund, warum er nichts (direktes) im Bezug auf verschiedene andere Themen sagt. Er war ein jüdischer Rabbi. In manchen Punkten konfrontierte Jesus die verdrehten Lehren der Theologen seiner Zeit. Ansonsten wird sein Stillschweigen logischerweise als Zustimmung der bestehenden Moral (und dazu gehört auch die Sexualmoral und die Familienwerte) gewertet. Laut der Bergpredigt kam Jesus nicht, um das Gesetz und die Propheten abzuschaffen, sondern zu erfüllen.

Hinter deiner Frage bezüglich Armut/Reichtum steht der Vorwurf des selektiven Literalismus. D. h., man nimmt nur bestimmte Stellen der Bibel in der Auslegung wörtlich, andere nicht. Jeder, der sich mit der Bibel befasst, muss sich natürlich fragen, wie die Bibel verstanden werden soll. Hilfreich sind hier die Fragen nach der Textgattung oder des kulturellen Hintergrunds.  Bibelgelehrte sind sich nicht in Allem einig. Und deswegen muss sich letztendlich jeder selber die Frage stellen: lasse ich die Bibel etwas sagen, was sie eigentlich gar nicht sagt, weil mir die direkten Aussagen zu unbequem sind? Von daher ist deine Frage eine gute und wichtige Frage. Und manche Christen verstehen Jesu Worte im Bezug auf Armut auch wörtlich. Es ist eins der Gelübde vieler Mönchsorden.

Zu den von dir angeführten Stellen: in Matthäus 19 wird im Kontext eine Begegnung zwischen Jesus und dem sogenannten ‚reichen Jüngling‘. Der wollte wissen, was er machen musste, um das ewige Leben zu erlangen. In dem Gespräch mit Jesus wird deutlich, dass es nicht einfach darum geht ‚alles richtig zu machen‘. Es geht um die Frage, was in unserem Leben das Sagen hat. Im Beispiel des reichen Jünglings war es das Geld. Deswegen konfrontiert Jesus ihn in diesem Punkt. Leider war dieser Mann nicht bereit, sich von seinem Geld zu trennen. Es geht in dieser Geschichte nicht darum, Geld/Reichtum per se schlecht zu machen.

Hier der Kontext des von dir zitierten Verses aus Lukas 6:

„Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Aber dagegen: Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan.“

Die überspitzten Darstellungen sind ein rethorisches Mittel, um einen möglichst großen Kontrast zu erzeugen. Das ist keine Ausrede, sondern ein bekanntes Stilmittel der jüdischen Didaktik. Man findet es in der ganzen Bibel sehr häufig. Jesus will weder sagen, dass es geistlicher sei, arm, hungrig, traurig, gehasst, ausgestoßen, geschmäht und verworfen zu sein, noch, dass es ungeistlicher wäre, wenn man reich, satt, fröhlich und beliebt ist. Vielmehr geht es hier darum, darzustellen, dass Glück und Unglück nicht einfach an irdischen Dingen festzumachen sind. Tatsächlich ist es z. B. möglich, finanziell arm aber geistlich reich (bzw. umgekehrt) zu sein.

Auch wenn es manchmal so wahrgenommen wird, fallen die Entscheidungen darüber, wo die Bibel symbolisch spricht und wo nicht, nicht willkürlich. Und wenn es doch geschieht, ist es nicht in Ordnung. Beantwortet das deine Frage?

Werbeanzeigen

Unser Platz in der Gesellschaft

Immer noch beschäftigt mit der konstruktiven Aufarbeitung der Geschehnisse der letzten Wochen (siehe Posts ‚Eine Frage der Ideologie‘ und ‚Abgelehnt.‘) gibt es jetzt hier das Predigtskript der Jugendgottesdienste heute Morgen.

Am Donnerstag hatte ich ein einstündiges Treffen mit dem Herrn Mörbitz von der SPD. Ihr erinnert euch an die Sache mit dem WDR-Beitrag, in dem wir wie eine fundamentalistische Sekte dargestellt werden. Natürlich gibt es immer auch berechtigte Kritik. Aber oft werden wir auch von weltlichen Leuten missverstanden, weil sie uns nicht einordnen können.

Für sie gibt es nur zwei Kategorien:

  1. Auf der einen Seite gibt es Leute wie sie selbst, die sich auf das Hier und Jetzt beschränken, die nur das glauben, was sie sehen. Nach ihrer Selbsteinschätzung sind sie sehr offen, vernunftbasiert, und behandeln alle Menschen gleich (sind in der Hinsicht sehr moralistisch). Sie halten sich selbst für nicht religiös und sehen das als überlegen an.
  2. Und dann gibt es für sie noch die religiösen Menschen, also Leute wie uns. Für sie sind wir engstirnig, auf eine bestimmte Sichtweise festgefahren, und haben uns für Glauben anstatt für Verstand entschieden. Außerdem, und das ist in unserer Situation das wirkliche Problem, halten sich religiöse Menschen für was Besseres. Sie finden sich selber gerecht und heilig, während sie auf die schmutzigen Sünder herabschauen und diese ablehnen und diskriminieren.

Das ist das Weltbild von vielen Leuten wie Herrn Mörbitz. Doch diese Denkweise wirft drei Probleme auf:

  1. Das Überlegenheitsdenken der Säkularisten gegenüber den Religiösen und ihre angebliche Gleichbehandlung aller Menschen passen nicht wirklich zusammen. Anders gesagt: sie wollen tolerant sein und niemanden diskriminieren – aber oft begegnen sie den religiösen Menschen mit viel Intoleranz oder sogar überheblicher Verachtung. (Das könnte einer der Gründe für unsere Ablehnung im Jugendhilfeausschuss gewesen sein.) Dieses Problem ist ein Problem der Heuchelei: sie haben einen Balken im Auge, wollen bei uns aber den Splitter rausziehen. Jesus verurteilt Heuchelei.
  2. Die Unterteilung in religiös und nicht religiös ist bei näherer Betrachtung unsinnig. Denn alle Menschen – der Mensch an sich – ist hoffnungslos religiös. Jeder Mensch hat einen Gott, auf den er seine Hoffnungen setzt, von dem er alles Gute erwartet. Jeder Mensch betet an, indem er bereit ist, sich vor irgendetwas/irgendjemandem zu beugen und Opfer zu bringen, um etwas zu bekommen. Jeder Mensch hat eine Art Idealzustand (Paradies), an den er glaubt. Für jeden Menschen gibt es eine Botschaft, über die er sich definiert, und die er für verbreitungswürdig hält. Der säkulare Mensch würde sein Leben zwar nicht mit religiösen Begriffen und Konzepten beschreiben, aber vom Inhalt her muss er zustimmen. Die Frage ist nicht: Religiös oder Säkular?, sondern einfach nur Welcher Gott?
  3. Wenn wir als Christen wirklich so leben, wie wir es sollten, passen wir in keine der beiden Schubladen. Im Gegenteil! Wenn du dir das Leben von Jesus anschaust, wirst du sehen, dass seine schärfste Kritik und seine härtesten Urteile nicht den ’schmutzigen Sündern‘ galt, sondern gerade den ‚Frommen‘ seiner Zeit – den Pharisäern.

Auf die traf, laut den Evangelien, alles Negative zu, was man über religiöse Menschen sagen kann:

  1. Sie hatten eine rückwärtsgewandte Weltanschauung. Für sie ging es darum, einen geistlichen Zustand aus der Vergangenheit wiederherzustellen. ‚Früher war alles besser!‘ war ihre Devise. ‚Oh, was ist die Welt so böse geworden…alles wird immer schlimmer!‘ (Fairerweise muss man an diesem Punkt allerdings sagen, dass die sogenannten nicht religiösen Menschen oft einfach auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Für sie war früher alles schlechter, und modern ist immer = ‚gut‘. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.)
  2. Sie waren selbstgerechte Heuchler. In ihren eigenen Augen waren sie besser als andere Menschen. Diese Überheblichkeit ist ja schon schlimm genug, aber bei ihnen war sie noch nicht mal gerechtfertigt. Denn während sie bei Anderen mahnend den Finger hoben, machten sie den aber selbst nicht krumm.
  3. Sie zogen sich zurück und sonderten sich ab. Der Kontakt mit dem ungläubigen Umfeld beschränkte sich aufs Nötigste.
  4. Sie waren voller Verachtung und Hass. Bewusst grenzten sie bestimmte Leute aus. Die Zöllner, Huren und Sünder hatten ihrer Meinung nach in der Gesellschaft keinen Platz. Bewusst wurden sie, auch in der Öffentlichkeit, diskriminiert. Wie groß ihr Hass war, wird dadurch deutlich, dass sie Jesu ‚Beseitigung‘ planten und z. T. auch durchführten.
  5. Sie wollten Macht, Einfluss und Positionen. …aber nicht, um zu helfen und zu dienen, sondern für sich selbst. Hatten sie dann die Macht, mißbrauchten sie diese, um über Andere zu herrschen.

Verhalten wir uns so, fallen wir auch unter Jesu Urteil: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler!“

Aber was ist denn dann unsere Aufgabe in der Welt, unsere Rolle in der Gesellschaft? Ich würde vorschlagen, wir orientieren uns nicht an den Pharisäern, sondern an Jesus selbst.

  1. Jesus wusste: die Lösung liegt nicht in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Die Lösung liegt in dem, was Gott jetzt – in der Gegenwart – tun will. Die drei Prinzipien eines Christen: Glaube (ein sich Verlassen auf das, was Gott in der Vergangenheit getan hat), Hoffnung (eine Zuversicht, dass Gott ein bestimmtes, zukünftiges Ziel verfolgt und erreichen wird) und Liebe – unser Auftrag hier und jetzt.
  2. Jesus schaute nicht auf andere herab. Im Gegenteil, er erniedrigte sich so weit, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Er brachte uns bei, zu allen Menschen aufzuschauen, d. h. sie als Menschen zu respektieren und wertzuschätzen – und zwar gerade bei den Ausgestoßenen und ‚Sündern‘. Diese Annahme von Sündern hielten die religiösen Leute für falsch und nicht gottgefällig. Sie distanzierten sich von den Sündern. Jesus nannte zwar Sünde beim Namen, aber er tat dies im persönlichen Gespräch und in Liebe.
  3. Jesus wurde Mensch, kam zu uns. Er ging zu den Menschen hin. Er war ständig unterwegs, und suchte die Begegnung mit den Leuten. Er nahm sich genauso Zeit für die Seelsorge mit der Ehebrecherin wie für die Diskussion mit dem suchenden Theologen.
  4. Jesus war authentisch (echt). Für uns heißt das, dass wir nicht so viel mit dem Finger auf andere zeigen, sondern uns an der eigenen Nase fassen. Das Gericht muss anfangen im Haus Gottes. D. h., wir müssen mit uns selbst ins Gericht gehen, und offen zu unseren Fehlern stehen. Wir sind nicht diejenigen, die immer alles richtig machen!
  5. Jesus nahm die Menschen an. Er aß mit ihnen, sprach mit ihnen, lud sie in sein Leben ein. Auch wenn er manche Leute scharf zurecht wies – nie schlug einem Hass entgegen.
  6. Jesus diente. Er wählte nicht die Machtposition, sondern das Handtuch des füßewaschenden Sklaven.

Das ist, wie Jesus in die Welt kam, und das ist, wie wir uns im Umgang mit allen Menschen verhalten sollten: Liebend, demütig, das Gespräch suchend, authentisch, voller Annahme, dienend.

Aber das ist nicht nur unser persönliches Vorbild, sondern ist auch für uns als Jugendgruppe/Gemeinde unser Platz in der Gesellschaft.

Was heißt das alles jetzt für uns praktisch?

a) Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auch die falsche Unterteilung (in religiöse und nicht religiös) machen. Das führt nur dazu, dass sich die Fronten verhärten. „Der Glaube an die Herrschaft Jesu über allen Lebensbereichen hält uns davon ab, das Leben in weltlich/öffentlich – privat/heilig bzw. in materiell/weltlich – geistlich/Gemeinde aufzuteilen.“ (Tim Keller)

b) Wir müssen uns fragen, wie wir unserer nichtchristlichen Umwelt Jesu Liebe praktisch zeigen können. Wenn Jesus alle Menschen angenommen und ihnen gedient hat, müssen wir überlegen, wie wir das auch umsetzen können. Wie können wir den Menschen in der Stadt dienen? Wie können wir speziell den Homosexuellen zeigen, dass wir sie lieben? (Anmerkung: viele Christen haben Skrupel: „Aber dann unterstützen wir ja deren sündhaften Lebensstil!“. Jesus hatte diese Skrupel offenbar nicht. Er diente den Menschenmassen, indem er alle heilte oder ernährte, die zu ihm kamen. Ein Großteil dieser Menschen ging dann wieder zurück in ihr sündhaftes Leben.)

Sind wir eine Sekte?

Hier der Vortrag vom letzten Sonntag (Jugendgottesdienste):

Was ist eine Sekte?

Wenn man jemanden als Sekte oder sektenähnliche Gemeinschaft bezeichnet, ist es natürlich wichtig, dass man den Begriff überhaupt erst versteht. Auf die Frage ‚Was ist eine Sekte?‘ gibt es zwar nicht eine große, aber viele kleine Antworten. Dabei habe ich aufgeteilt in die Technische, die Theologische und die Soziopsychologische Antwort.

Technische Antwort (Wortbedeutung):

Ursprünglich war das Wort ‚Sekte‘ wertneutral (erklären), und hieß nichts anderes als ‚Abspaltung/Splittergruppe‘, eine „von großen Relionsgemeinschaften abgelöste kleine Glaubensgemeinschaft“ (wiktionary).

In der Bibel werden sowohl die Pharisäer (Apostelgeschichte 15,5), als auch die christliche Gemeinde als jüdische Sekten bezeichnet.

„Ich gebe allerdings zu, dass ich dem neuen Glauben folge, den sie als Sekte bezeichnen.“ (Apostelgeschichte 24,14a; NLÜ)

In diesem Sinne sind wir sogar mindestens eine fünffache Sekte: das Christentum hat sich vom Judentum abgespalten, die Katholische Kirche und die Orthodoxe Kirche, die Evangelische Kirche von der Katholischen Kirche, und die Freikirchen von der Evangelischen Kirche, und die unabhängigen Freikirchen von den etablierten Freikirchen.

Weil aber der Begriff ‚Sekte‘ inzwischen immer eine negative Bedeutung hat, wird er in der Wissenschaft nicht mehr so verwendet:

„Die moderne Religionswissenschaft hat das Wort Sekte durch neutrale Bezeichnungen wie religiöse Sondergemeinschaft oder neureligiöse Gemeinschaft ersetzt.“ (wikipedia.de)

Wenn mich jemand fragt, ob wir eine Sekte sind, ist eine meiner ersten Antworten immer: „Wir sind eine Freikirche.“ Wie die Leute das dann einordnen, ist immer noch eine andere Frage.

Theologische Antwort:

Theologisch gesehen ist – aus christlicher Sicht – jede Gruppe eine Sekte, welche sich nicht völlig hinter die Kernaussagen der Bibel stellen kann, welche eine christliche Kirche ausmachen:


  • Glaube an den dreieinigen Gott (Gottheit Jesu und des Heiligen Geistes als Person)
  • Glaube an die Herrschaft Jesu (Jesus ist unser einziger Meister, Lehrer, Anführer und Herr)
  • Glaube an das Evangelium (Gott hat die Menschen durch Christus mit sich versöhnt. In ihm ist uns vergeben, wir sind angenommen und geliebt. All das geschieht völlig unverdient, und wird von demjenigen erfahren, der an ihn glaubt.)
  • Glaube an die Bibel als Gottes Wort. Zitat von der Webseite der EKD: „Für alle christlichen Kirchen ist die Bibel, die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments, Grund und Quelle ihres Glaubens und ihrer Verkündigung. Sie ist der gemeinsame Bezugspunkt und das Kriterium der christlichen Lehre und darum auch gemeinsamer ökumenischer Besitz aller Kirchen.“

Zusammenfassend gesagt: es dreht sich alles um Jesus! Jesus ist Gott, Jesus ist Herr, Jesus ist Retter und es ist die Bibel allein, die uns Jesus auf diese Weise präsentiert. Gruppen, die diese Glaubenssätze leugnen, sind aus christlicher Sicht eine Sekte (z. B. Zeugen Jehovas oder Mormonen).

Soziopsychologische Antworten:

Kompliziertes Wort, ich weiß…diese Antworten auf die Frage ‚Was ist eine Sekte?‘ haben damit zu tun, wie Menschen sich innerhalb einer Gruppe verhalten, erleben und beeinflussen. Ich möchte euch besonders bei diesen Punkten bitten, gut aufzupassen.

1.  Wahrheitsanspruch

Eine Sekte behauptet, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Mit anderen Worten: ‚Wenn du die Wahrheit wissen willst, gibt es für dich nur eine Anlaufstelle. Nur unsere Erklärung der Bibel ist richtig und gültig. Was Christen aus anderen Kirchen oder Denominationen sagen ist unwichtig. Nur bei uns bekommst du die vollständige Wahrheit‘. Wenn du Teil von so einer Sekte bist, glaubst du nichts, was nicht von Leitern deiner Gruppe gesagt oder bestätigt wurde.

2. Heilsanspruch

Eine Sekte behauptet, dass man zu ihr gehören muss, um gerettet zu sein. Es gibt keine Hoffnung auf Erlösung außerhalb der eigenen Gruppe. ‚Wenn du nicht zu uns gehörst, bist du verloren. Wenn du aber Teil unserer Gemeinde bist, brauchst du dir um deine Errettung keine Sorgen zu machen‘.

3. Machtanspruch

Eine Sekte erhebt den Anspruch, über das Leben der einzelnen Mitglieder bestimmen zu dürfen. Die Mitglieder, welche oft auf der Suche nach Wahrheit und Erlösung sind, müssen sich in die strenge Hierarchie einfügen. D. h., du musst gehorchen, und dein Selbstbestimmungsrecht an die Leiter aufgeben. Für jede Entscheidung musst du zu einem Leiter rennen. Dadurch wirst du immer unselbständiger. Dein ganzes Leben wird von der Sekte bestimmt.

Die Frage, mit der wir uns hier beschäftigen lautet ja: ‚Sind wir eine Sekte?‘ Für viele von euch ist das gar keine Frage. Ihr findet die Idee schon absurd. Aber mir ist wichtig, dass ihr diese Frage wirklich selber beantwortet.

Ich versuche mich natürlich in die Leute außerhalb der evangelikalen Welt hineinzuversetzen. Und ich kann z. T. ganz gut nachvollziehen, dass wir in die Schublade gesteckt werden. Das kann daran liegen, dass Leute uns nicht mögen und deshalb finden, dass wir in die Kategorie ‚gefährliche Sekte‘ gehören. Oder sie haben einfach irgendwelche abgedrehten Geschichten gehört. Aber es gibt natürlich auch die Möglichkeit (vor allen Dingen bei einer Gemeinde dieser Größe), dass einzelne Leute Erfahrungen machen, die wirklich in dieses Bild passen. Deswegen tragen wir alle die Verantwortung, darauf aufzupassen, dass wir uns als einzelne Teile dieser Gemeinde an das halten, was wir als Leiterschaft an Grundsätzen weitergeben:

  1. Kein Zwang!

Niemand muss zu uns kommen. Es gibt viele andere Gemeinden und Kirchen in Siegen. Wir dürfen nicht versuchen, Leute dazu zu zwingen, zu uns zu kommen, noch sie zu zwingen, bei uns zu bleiben. Wir haben keine Mitgliedschaft. Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Wir haben keinen Mitgliedsbeitrag. Jeder kann geben, was er will.

  1. Keine Gehirnwäsche!

Ich habe euch das schon häufiger gesagt, aber ich werde das immer wieder wiederholen müssen: Mein Wunsch und mein Ziel ist es nicht, dass ihr einfach alles glaubt, was ich sage. Glaubt erstmal nichts von dem, was ich sage. Lest selber nach, macht euch eure eigenen Gedanken. Natürlich sollte ein Christ eine andere Einstellung haben als ein Nichtchrist. Und dass es in einer christlichen Gemeinde/Kirche darum geht, diese Einstellung mehr und mehr zu bekommen ist der Grund für die Predigt. Aber wir betreiben keine Gehirnwäsche. Deswegen ermutigt euch gegenseitig, selber zu denken, und warnt euch gegenseitig davor, alles, was ich sage, als endgültige Wahrheit zu betrachten.

  1. Kein Psychoterror!

Dazu gehört, dass wir Leute auch gehen lassen. Ich kann ehrlich gesagt über diesen Punkt nur müde lächeln, weil wir nämlich eigentlich von ehemaligen Gemeindebesuchern und auch von Leuten, die noch kommen, dafür angeklagt werden, dass wir den Leuten nicht genug nachgehen. Aber es gibt hier natürlich auch einen gesunden Mittelweg. Wenn es mich gar nicht interessiert, wenn jemand wegbleibt, ist das natürlich schlecht. Aber der Person jetzt Angst zu machen und Druck auszuüben natürlich auch.

  1. Keine Abschottung!

Nach meiner Bekehrung hatte ich eine Phase, in der ich alle alten Verbindungen gekappt hatte. Das war in meinem Fall besser, genauso wie jeder Alkoholiker, der eine Therapie macht, sich nicht mehr mit seinen ehemaligen Saufkumpels treffen kann, wenn er dem Alkohol abschwören will. Die Aussagen des Neuen Testaments im Bezug auf dieses Thema kann man mit zwei Bahnschienen vergleichen: auf der einen Seite der Aufruf, sich in der Welt nicht schmutzig zu machen. Auf der anderen Seite der Aufruf, in alle Welt zu gehen und die Liebe Jesu an sie weiterzugeben. Wenn wir nicht ständig darauf achten, dass beides wichtig ist, geraten wir aus der Spur. Wenn du denkst, dass eine Freundschaft dir nicht gut tut, dann ist es natürlich in Ordnung, diese Freundschaft zu kündigen. Aber schotte dich nicht von der Außenwelt ab!

  1. Kein Verschwörungsdenken!

Bei diesem Punkt geht es darum, dass man die ganze Welt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse aufteilt. Alle anderen sind die Bösen und die haben sich gegen uns verschworen. Wir sind immer das Opfer. Christen, die so denken, zitieren dann Verse wie Johannes 15,18-19: „Wenn die Welt euch hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“ Oder 2. Timotheus 3,12: „Alle aber auch, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.“ Aber Vorsicht! denkt daran, was ich immer wieder sage: jeder ist immer Opfer und Täter. Warum hassen uns die Menschen? Wenn die Menschen uns hassen, weil sie z. B. denken, wir würden Homosexuelle diskriminieren, dann hassen sie nicht uns, sondern ihre falsche Vorstellung von uns. Und kann es nicht sein, dass sie eine falsche Vorstellung von uns haben, weil wir uns keine Mühe geben, unsere Standpunkte zu erklären? Außerdem zeigt sich in der westlichen Welt dieser Hass vor allen Dingen durch Gleichgültigkeit. Einem Großteil der Menschen wird es einfach egal sein, wer wir sind oder was wir glauben, solange wir jeden in Ruhe lassen.

  1. Kein magisches Denken!

Das bedeutet, dass man alles vergeistlicht. Jeder Mensch deutet das Leben irgendwie. Aber wir müssen aufpassen, dass wir damit nicht übertreiben.

„Magisches Denken bedeutet aber auch, allen Dingen und Ereignissen eine „tiefere“ oder „höhere“ Bedeutung zuzusprechen. Fährt einem z.B. morgens der Bus weg, „hat Gott das so eingerichtet“ oder es ist eine „Anfechtung vom Teufel“. Diese Art Interpretation von Umweltereignissen ist stark egozentrisch oder narzistisch geprägt. Alles was geschieht, hat mit der eigenen Person zu tun. Man ist wichtig und Gott lenkt alle Ereignisse um einen herum. Man selbst steht im Zentrum und alles was geschieht, soll einem etwas sagen.“ (http://home.snafu.de/mkrase/Was%20ist%20eine%20Sekte.htm)

Ihr merkt, dass jemand, der so abgeht, zwar versucht, geistlich zu sein. Aber eigentlich hat das nichts mit der Einstellung Jesu zu tun.

Werbeanzeigen