Posts Tagged ‘ Homosexualität ’

Steven Milverton kann uns nicht stoppen… ;°)

Vor einigen Wochen gab es einen unsachlichen Beitrag über die Ablehnung unseres Antrags auf Trägerschaft bei der freien Jugendhilfe auf dem Blog von ‚Steven Milverton‘. Um sich über uns lustig zu machen, zog er sich ein Blog-Bild von unserem letzten Jugendeinsatz in Istanbul. Wir baten ihn, dieses Bild runterzunehmen. Der Grund war ganz einfach, dass wir nicht wollen, dass unsere Jugendlichen so zum Spott für Christenhasser werden.

Ich versuchte, einen konstruktiven Dialog mit Steven Milverton zu führen. Leider funktionierte das nicht so richtig. Ich wurde ignoriert, beschimpft und polemisiert. Zugegebenerweise war ich schon ziemlich verärgert, aber ich bin trotzdem drangeblieben. Bis zu dem Punkt, wo die erste positive Diskussion, die sich entwickelte, geblockt wurde. Ihr könnt euch selber ein Bild davon machen, indem ihr euch die Beiträge ‚Lieber Hans!‘ und ‚Evangelikale Methodologie‘ lest. Der Fragesteller (Oliver_HH) in dem ‚Lieber Hans!‘-Beitrag und ich wurden aufgefordert, diese Diskussion nicht-öffentlich (per eMail) weiterzuführen. Da halte ich aber nichts von. Deswegen veröffentliche ich jetzt hier nochmal die Fragen von Oliver aus Hamburg und meine Antwort dazu. Die hatte ich schonmal geschrieben, wurde aber als Comment bei Steven nicht freigegeben. Auch auf Anfrage von Oliver bekam er keine Antwort. Kurz gesagt: alles Gründe, weiter öffentlich darüber zu sprechen!

Hier kommen die Fragen von Oliver:

„Mir geht’s ähnlich wie Steven – ich find’s nicht ganz irrelevant, wer angefangen hat. Und warum sich die Evangelikalen so gern mit Homosexualität beschäftigen, verstehe ich auch nicht. Selbst wenn man die Bibel beim Wort nimmt, wie Sie sagen: Es geht ja nur an ganz wenigen Stellen um Homosexualität. Jesus sagt zu Homosexualität überhaupt nichts (genauso wie zu family values, die man bei den Evangelikalen ja auch gerne hochhält). Mir fällt z.B. auf, dass in den Evangelien sehr oft von Armut die Rede ist: „Wenn Du vollkommen sein willst, geh, verkauf Deinen Besitz und gib das Geld den Armen“ (Mt 19,21). Oder „Weh euch, wenn ihr reich seid, ihr habt keinen Trost zu erwarten (Lk 6,24) und diverse andere Stellen.

Nach meiner Beobachtung werden diese Stellen auch von Christen, die die Bibel sonst gerne wörtlich nehmen (etwa beim Thema Homosexualität), nicht wörtlich befolgt. Mich würde interessieren, wie man es rechtfertigen kann, dieselbe Bibel zu zwei verschiedenen Themen so unterschiedlich zu interpretieren: Wörtlich, wenn es Homosexualität geht, die aber mit einer Ausnahme nur im AT erwähnt wird. Eher symbolisch, wenn es um Themen geht, zu denen sich Jesus selbst geäußert hat (und die er gelebt hat). Auf eine Antwort von Ihnen wäre ich gespannt.“
Als ich schrieb, dass es irrelevant sei, darüber zu streiten, ‚wer angefangen hat‘ (also mit den Vorwürfen bzw. Vorverurteilungen), meinte ich damit nicht, dass es egal sei. Natürlich muss man für ein Schuldeingeständnis bereit sein, um die Fronten aufweichen zu können. Aber: 1) Ich für meinen Teil glaube nicht, den Anfang des Streits kirchengeschichtlich festmachen zu können. Deswegen kann ich eigentlich nicht wirklich helfen, die Antwort auf die Frage zu finden. 2) Außerdem meinte ich irrelevant für diese Diskussion. Also man kann bestimmte Sachverhalte ausdiskutieren, ohne die ‚wer hat angefangen-Frage‘ zuerst geklärt haben zu müssen. Ich für meinen Teil habe bestimmt keinen Streit über Homosexualität vom Zaun gebrochen. Es wurde von den Politikern hier in Siegen thematisiert.
Ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich schon regelmäßig mehrmals wöchentlich predige, nur ein einziges Mal über Homosexualität als Thema gepredigt. Bei der Vers-für-Vers Lehre durch das Fünfbuch Mose kam die Sexualmoral natürlich auch das ein oder andere Mal vor. Aber ich predige ca. 90 verschiedene Predigten pro Jahr.  Sexualmoral ist in der Jugendarbeit schon ein wichtiges Thema – Homosexualität war es wie gesagt nur einmal. Und das, weil wir 2-3 homosexuelle Jungs in der Jugendgruppe hatten, und sowohl diese Jungs als auch die anderen in der Jugend fingen an, Fragen zu stellen. Insgesamt ist es in der evangelikalen Welt ein Randthema. Gerade die Homosexuellen selber sind aber dafür sensibilisiert. Deswegen wird es anders wahrgenommen.
Warum sagt Jesus nichts direktes im Bezug auf Homosexualität oder Familienwerte? Aus dem gleichen Grund, warum er nichts (direktes) im Bezug auf verschiedene andere Themen sagt. Er war ein jüdischer Rabbi. In manchen Punkten konfrontierte Jesus die verdrehten Lehren der Theologen seiner Zeit. Ansonsten wird sein Stillschweigen logischerweise als Zustimmung der bestehenden Moral (und dazu gehört auch die Sexualmoral und die Familienwerte) gewertet. Laut der Bergpredigt kam Jesus nicht, um das Gesetz und die Propheten abzuschaffen, sondern zu erfüllen.

Hinter deiner Frage bezüglich Armut/Reichtum steht der Vorwurf des selektiven Literalismus. D. h., man nimmt nur bestimmte Stellen der Bibel in der Auslegung wörtlich, andere nicht. Jeder, der sich mit der Bibel befasst, muss sich natürlich fragen, wie die Bibel verstanden werden soll. Hilfreich sind hier die Fragen nach der Textgattung oder des kulturellen Hintergrunds.  Bibelgelehrte sind sich nicht in Allem einig. Und deswegen muss sich letztendlich jeder selber die Frage stellen: lasse ich die Bibel etwas sagen, was sie eigentlich gar nicht sagt, weil mir die direkten Aussagen zu unbequem sind? Von daher ist deine Frage eine gute und wichtige Frage. Und manche Christen verstehen Jesu Worte im Bezug auf Armut auch wörtlich. Es ist eins der Gelübde vieler Mönchsorden.

Zu den von dir angeführten Stellen: in Matthäus 19 wird im Kontext eine Begegnung zwischen Jesus und dem sogenannten ‚reichen Jüngling‘. Der wollte wissen, was er machen musste, um das ewige Leben zu erlangen. In dem Gespräch mit Jesus wird deutlich, dass es nicht einfach darum geht ‚alles richtig zu machen‘. Es geht um die Frage, was in unserem Leben das Sagen hat. Im Beispiel des reichen Jünglings war es das Geld. Deswegen konfrontiert Jesus ihn in diesem Punkt. Leider war dieser Mann nicht bereit, sich von seinem Geld zu trennen. Es geht in dieser Geschichte nicht darum, Geld/Reichtum per se schlecht zu machen.

Hier der Kontext des von dir zitierten Verses aus Lukas 6:

„Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Aber dagegen: Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan.“

Die überspitzten Darstellungen sind ein rethorisches Mittel, um einen möglichst großen Kontrast zu erzeugen. Das ist keine Ausrede, sondern ein bekanntes Stilmittel der jüdischen Didaktik. Man findet es in der ganzen Bibel sehr häufig. Jesus will weder sagen, dass es geistlicher sei, arm, hungrig, traurig, gehasst, ausgestoßen, geschmäht und verworfen zu sein, noch, dass es ungeistlicher wäre, wenn man reich, satt, fröhlich und beliebt ist. Vielmehr geht es hier darum, darzustellen, dass Glück und Unglück nicht einfach an irdischen Dingen festzumachen sind. Tatsächlich ist es z. B. möglich, finanziell arm aber geistlich reich (bzw. umgekehrt) zu sein.

Auch wenn es manchmal so wahrgenommen wird, fallen die Entscheidungen darüber, wo die Bibel symbolisch spricht und wo nicht, nicht willkürlich. Und wenn es doch geschieht, ist es nicht in Ordnung. Beantwortet das deine Frage?

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Unser Platz in der Gesellschaft

Immer noch beschäftigt mit der konstruktiven Aufarbeitung der Geschehnisse der letzten Wochen (siehe Posts ‚Eine Frage der Ideologie‘ und ‚Abgelehnt.‘) gibt es jetzt hier das Predigtskript der Jugendgottesdienste heute Morgen.

Am Donnerstag hatte ich ein einstündiges Treffen mit dem Herrn Mörbitz von der SPD. Ihr erinnert euch an die Sache mit dem WDR-Beitrag, in dem wir wie eine fundamentalistische Sekte dargestellt werden. Natürlich gibt es immer auch berechtigte Kritik. Aber oft werden wir auch von weltlichen Leuten missverstanden, weil sie uns nicht einordnen können.

Für sie gibt es nur zwei Kategorien:

  1. Auf der einen Seite gibt es Leute wie sie selbst, die sich auf das Hier und Jetzt beschränken, die nur das glauben, was sie sehen. Nach ihrer Selbsteinschätzung sind sie sehr offen, vernunftbasiert, und behandeln alle Menschen gleich (sind in der Hinsicht sehr moralistisch). Sie halten sich selbst für nicht religiös und sehen das als überlegen an.
  2. Und dann gibt es für sie noch die religiösen Menschen, also Leute wie uns. Für sie sind wir engstirnig, auf eine bestimmte Sichtweise festgefahren, und haben uns für Glauben anstatt für Verstand entschieden. Außerdem, und das ist in unserer Situation das wirkliche Problem, halten sich religiöse Menschen für was Besseres. Sie finden sich selber gerecht und heilig, während sie auf die schmutzigen Sünder herabschauen und diese ablehnen und diskriminieren.

Das ist das Weltbild von vielen Leuten wie Herrn Mörbitz. Doch diese Denkweise wirft drei Probleme auf:

  1. Das Überlegenheitsdenken der Säkularisten gegenüber den Religiösen und ihre angebliche Gleichbehandlung aller Menschen passen nicht wirklich zusammen. Anders gesagt: sie wollen tolerant sein und niemanden diskriminieren – aber oft begegnen sie den religiösen Menschen mit viel Intoleranz oder sogar überheblicher Verachtung. (Das könnte einer der Gründe für unsere Ablehnung im Jugendhilfeausschuss gewesen sein.) Dieses Problem ist ein Problem der Heuchelei: sie haben einen Balken im Auge, wollen bei uns aber den Splitter rausziehen. Jesus verurteilt Heuchelei.
  2. Die Unterteilung in religiös und nicht religiös ist bei näherer Betrachtung unsinnig. Denn alle Menschen – der Mensch an sich – ist hoffnungslos religiös. Jeder Mensch hat einen Gott, auf den er seine Hoffnungen setzt, von dem er alles Gute erwartet. Jeder Mensch betet an, indem er bereit ist, sich vor irgendetwas/irgendjemandem zu beugen und Opfer zu bringen, um etwas zu bekommen. Jeder Mensch hat eine Art Idealzustand (Paradies), an den er glaubt. Für jeden Menschen gibt es eine Botschaft, über die er sich definiert, und die er für verbreitungswürdig hält. Der säkulare Mensch würde sein Leben zwar nicht mit religiösen Begriffen und Konzepten beschreiben, aber vom Inhalt her muss er zustimmen. Die Frage ist nicht: Religiös oder Säkular?, sondern einfach nur Welcher Gott?
  3. Wenn wir als Christen wirklich so leben, wie wir es sollten, passen wir in keine der beiden Schubladen. Im Gegenteil! Wenn du dir das Leben von Jesus anschaust, wirst du sehen, dass seine schärfste Kritik und seine härtesten Urteile nicht den ’schmutzigen Sündern‘ galt, sondern gerade den ‚Frommen‘ seiner Zeit – den Pharisäern.

Auf die traf, laut den Evangelien, alles Negative zu, was man über religiöse Menschen sagen kann:

  1. Sie hatten eine rückwärtsgewandte Weltanschauung. Für sie ging es darum, einen geistlichen Zustand aus der Vergangenheit wiederherzustellen. ‚Früher war alles besser!‘ war ihre Devise. ‚Oh, was ist die Welt so böse geworden…alles wird immer schlimmer!‘ (Fairerweise muss man an diesem Punkt allerdings sagen, dass die sogenannten nicht religiösen Menschen oft einfach auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Für sie war früher alles schlechter, und modern ist immer = ‚gut‘. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.)
  2. Sie waren selbstgerechte Heuchler. In ihren eigenen Augen waren sie besser als andere Menschen. Diese Überheblichkeit ist ja schon schlimm genug, aber bei ihnen war sie noch nicht mal gerechtfertigt. Denn während sie bei Anderen mahnend den Finger hoben, machten sie den aber selbst nicht krumm.
  3. Sie zogen sich zurück und sonderten sich ab. Der Kontakt mit dem ungläubigen Umfeld beschränkte sich aufs Nötigste.
  4. Sie waren voller Verachtung und Hass. Bewusst grenzten sie bestimmte Leute aus. Die Zöllner, Huren und Sünder hatten ihrer Meinung nach in der Gesellschaft keinen Platz. Bewusst wurden sie, auch in der Öffentlichkeit, diskriminiert. Wie groß ihr Hass war, wird dadurch deutlich, dass sie Jesu ‚Beseitigung‘ planten und z. T. auch durchführten.
  5. Sie wollten Macht, Einfluss und Positionen. …aber nicht, um zu helfen und zu dienen, sondern für sich selbst. Hatten sie dann die Macht, mißbrauchten sie diese, um über Andere zu herrschen.

Verhalten wir uns so, fallen wir auch unter Jesu Urteil: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler!“

Aber was ist denn dann unsere Aufgabe in der Welt, unsere Rolle in der Gesellschaft? Ich würde vorschlagen, wir orientieren uns nicht an den Pharisäern, sondern an Jesus selbst.

  1. Jesus wusste: die Lösung liegt nicht in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Die Lösung liegt in dem, was Gott jetzt – in der Gegenwart – tun will. Die drei Prinzipien eines Christen: Glaube (ein sich Verlassen auf das, was Gott in der Vergangenheit getan hat), Hoffnung (eine Zuversicht, dass Gott ein bestimmtes, zukünftiges Ziel verfolgt und erreichen wird) und Liebe – unser Auftrag hier und jetzt.
  2. Jesus schaute nicht auf andere herab. Im Gegenteil, er erniedrigte sich so weit, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Er brachte uns bei, zu allen Menschen aufzuschauen, d. h. sie als Menschen zu respektieren und wertzuschätzen – und zwar gerade bei den Ausgestoßenen und ‚Sündern‘. Diese Annahme von Sündern hielten die religiösen Leute für falsch und nicht gottgefällig. Sie distanzierten sich von den Sündern. Jesus nannte zwar Sünde beim Namen, aber er tat dies im persönlichen Gespräch und in Liebe.
  3. Jesus wurde Mensch, kam zu uns. Er ging zu den Menschen hin. Er war ständig unterwegs, und suchte die Begegnung mit den Leuten. Er nahm sich genauso Zeit für die Seelsorge mit der Ehebrecherin wie für die Diskussion mit dem suchenden Theologen.
  4. Jesus war authentisch (echt). Für uns heißt das, dass wir nicht so viel mit dem Finger auf andere zeigen, sondern uns an der eigenen Nase fassen. Das Gericht muss anfangen im Haus Gottes. D. h., wir müssen mit uns selbst ins Gericht gehen, und offen zu unseren Fehlern stehen. Wir sind nicht diejenigen, die immer alles richtig machen!
  5. Jesus nahm die Menschen an. Er aß mit ihnen, sprach mit ihnen, lud sie in sein Leben ein. Auch wenn er manche Leute scharf zurecht wies – nie schlug einem Hass entgegen.
  6. Jesus diente. Er wählte nicht die Machtposition, sondern das Handtuch des füßewaschenden Sklaven.

Das ist, wie Jesus in die Welt kam, und das ist, wie wir uns im Umgang mit allen Menschen verhalten sollten: Liebend, demütig, das Gespräch suchend, authentisch, voller Annahme, dienend.

Aber das ist nicht nur unser persönliches Vorbild, sondern ist auch für uns als Jugendgruppe/Gemeinde unser Platz in der Gesellschaft.

Was heißt das alles jetzt für uns praktisch?

a) Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auch die falsche Unterteilung (in religiöse und nicht religiös) machen. Das führt nur dazu, dass sich die Fronten verhärten. „Der Glaube an die Herrschaft Jesu über allen Lebensbereichen hält uns davon ab, das Leben in weltlich/öffentlich – privat/heilig bzw. in materiell/weltlich – geistlich/Gemeinde aufzuteilen.“ (Tim Keller)

b) Wir müssen uns fragen, wie wir unserer nichtchristlichen Umwelt Jesu Liebe praktisch zeigen können. Wenn Jesus alle Menschen angenommen und ihnen gedient hat, müssen wir überlegen, wie wir das auch umsetzen können. Wie können wir den Menschen in der Stadt dienen? Wie können wir speziell den Homosexuellen zeigen, dass wir sie lieben? (Anmerkung: viele Christen haben Skrupel: „Aber dann unterstützen wir ja deren sündhaften Lebensstil!“. Jesus hatte diese Skrupel offenbar nicht. Er diente den Menschenmassen, indem er alle heilte oder ernährte, die zu ihm kamen. Ein Großteil dieser Menschen ging dann wieder zurück in ihr sündhaftes Leben.)

Abgelehnt.

Ich bin wütend und enttäuscht: wir (die Calvary Chapel Siegen e. V.) wurden als Träger der freien Jugendhilfe abgelehnt. Ärgerlich an der Sache ist für mich vor Allem auch, dass die Abstimmung nicht öffentlich war. Das heißt, dass ich den genauen Grund nur raten kann. Die Fragen, die mir gestellt wurden drehten sich um die Rolle der Frau in der Gemeinde, Leitungsstruktur, Homosexualität und was wir konkret tun, um Jugendlichen zu helfen. Ich denke, dass es nicht viele Möglichkeiten für die Ablehnung gibt.

Einer der Ausschussmitglieder sagte mir hinterher auf dem Parkplatz: ‚Was ihnen das Genick gebrochen hat, waren die ideologischen Sachen.‘ Ihm tat das leid und er stimmte mit mir überein: ‚Das ist scheinheilig. Wenn man das konsequent anwenden würde, müsste man auch eine katholische Jugendgruppe ablehnen.‘ Eine Ablehnung auf dieser Grundlage ist nun wirklich keine politische, verantwortungsbewusste, sondern eine weltanschauliche Bauchgefühl-Entscheidung.

Eine andere Möglichkeit (oder einfach ein weiterer Faktor) wurde ebenfalls von einem Ausschussmitglied (dem die Ablehnung ebenfalls leid tat) genannt: der Skatepark. Weil wir es als Gemeinde nicht einsahen, zu warten, bis die Stadt etwas für die Jugendlichen auf die Beine stellt (was ich nach meinem kleinen Einblick in die politischen Abläufe sehr gut verstehen kann), gibt es Ärger und Missmut uns gegenüber. Ich frage mich, wieviele Skater-Generationen dieser Ausschuss verpasst…

Und die dritte Möglichkeit ist ganz einfach, dass man mir nicht geglaubt hat. Bei der Jugendhilfe geht es eben darum, Jugendlichen zu helfen. Hier ein Auszug aus meinem Eingangsstatement:

Wir glauben an das Evangelium von Jesus Christus. Und wir glauben, dass ein geglaubtes Evangelium den ganzen Menschen zum Guten verändert. Der geliebte Mensch wird durch diese Botschaft zur aktiven Nächstenliebe befähigt. Er lernt, die Probleme seiner Mitmenschen nicht nur wahrzunehmen, sondern aktiv an der Lösung mitzuarbeiten. Teenager werden zu einem reifen, eigenverantwortlichen Lebensstil und weisen Entscheidungen ermutigt.  Wir glauben, dass dadurch Jugendlichen ganzheitlich weitergeholfen werden kann.

Scheinbar glaubt man nicht wirklich an unsere Absichten. …und eigentlich sind es nicht bloße Absichten – diese ganzheitliche Hilfe leben wir konkret Woche für Woche, seit Jahren. Ich könnte mir denken (auch hier wieder bestätigt von einem der Ausschussmitglieder), dass mir das nicht abgenommen wurde. Man denkt wohl, wir hätten nur religiöse/geistliche Ziele. Als ob man das vom Rest des Lebens trennen könnte.

Ich bin gespannt, ob noch etwas anderes aus dieser Geschichte erwächst, bzw. was der WDR berichten wird. Die waren nämlich heute an der Gemeinde und haben Außenaufnahmen gemacht…

Eine Frage der Ideologie

Im Sommer haben wir unseren Antrag auf Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe weggeschickt. Statt einer Antwort über den Ausgang der Sitzung lasen wir in der Westfälischen Rundschau, dass einige Personen in dieser Sitzung zu große Bedenken bezüglich unserer Ideologie hätten, und deswegen lieber eine Befragung durchführen wollen (siehe hier). Diese Befragung wird morgen stattfinden. Dabei soll ich in 5 Minuten die Jugendarbeit vorstellen, und dann evtl. Fragen beantworten.

Vor ein paar Tagen meldete sich dann jemand vom WDR Fernsehen, sie würden gerne einen Beitrag über uns als Gemeinde und über diesen Vorfall im Spezifischen machen. Ich lehnte unter Verweis auf negative Erfahrungen in der Vergangenheit (ein Beispiel) ab. Als ich aber um eine schriftliche Stellungnahme gebeten wurde, entschied ich mich dazu, mich auf diesem Wege dazu zu äußern. Konkret sah das so aus, dass ich zwei Fragen beantwortete. Hab mir gedacht, es könnte vielleicht ein paar Leute interessieren, was ich da so geschrieben habe…deswegen hier der Inhalt der eMail:

/Wie bewerten sie die ablehnende Haltung einiger Ausschussmitglieder zur
Anerkennung als Träger der Jugendhilfe?/

Meiner Meinung nach gibt es zwei mögliche Gründe für diese ablehnende
Haltung: entweder werden wir hier missverstanden. Das könnte daran
liegen, dass man sich nur oberflächlich und flüchtig mit unserem
Weltbild auseinandergesetzt hat, was man durch einen offenen Dialog
ändern könnte. Oder, und das ist die zweite Möglichkeit, man versteht
unsere Position sehr wohl, lehnt sie aber ab. In dem Fall geht es um
unterschiedliche Weltanschauung, um einen unterschiedlichen Glauben. Uns
auf dieser Grundlage als Träger der Jugendhilfe abzulehnen halte ich
politisch für nicht korrekt – immerhin verachten wir niemanden, sondern
versuchen, als Christen jedem in Liebe (und das heißt auch auf
Augenhöhe) zu begegnen. Dass wir an einen Gott glauben, der uns aus
Liebe nicht nur einen richtigen, sondern den für uns guten Weg aufzeigt,
darf nicht Grundlage für eine abwertende Andersbehandlung von Seiten der
Politiker werden!

/Kritiker werfen ihnen vor, in einigen Fragen, wie zum Beispiel der
Homosexualität, fundamentalistische Positionen zu vertreten. Können sie
diese Kritik verstehen?/

Wie gesagt: ich kann nachvollziehen, dass jemand, der nur einen
flüchtigen Blick auf uns wirft, uns in diese Schublade steckt. Aber für
eine konstruktive Zusammenarbeit sind diese Vorurteile natürlich ein
echtes Hindernis. Meines Wissens nach führt sich der Begriff
‚Fundamentalismus‘ auf das Buch eines christlichen Autors (R. A. Torrey)
zurück, welches den Titel ‚The Fundamentals of Christian Doctrine‘ (Die
Grundlagen der christlichen Lehre) trug. In diesem Sinne wollen wir
unseren Wurzeln treu bleiben. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass
wir die klassischen, christlichen Glaubensbekenntnisse tatsächlich
glauben. Natürlich gibt es – vor Allem in Amerika – einen evangelikalen
Fundamentalismus, von dem wir uns allerdings deutlich distanzieren. Uns
trotzdem mit diesen Gruppen in Verbindung zu bringen mag medienwirksam
sein, aber es geht weit an der Realität vorbei. Wir sind biblizistisch
(„theologische Auffassung und Methode, die alle Glaubensinhalte
ausschließlich der Bibel entnimmt und Dogmatik wie Ethik allein in
Gestalt harmonisierender Reproduktion biblischer Gedanken anerkennt“;
Evangelisches Kirchenlexikon), aber nicht fundamentalistisch – da zu
differenzieren, würde schon sehr helfen.

Für mich scheint es, als hätte der jüdische Professor Joseph Weiler
Recht, wenn er sagt, dass er momentan in Europa eine ‚Christophobie‘
beobachtet. Unwissenheit bewirkt Furcht, und diese Furcht bewirkt
Ablehnung. Um Ablehnung zu beseitigen, muss man die Furcht nehmen, und
um die Furcht vor dem Unbekannten zu nehmen, muss man sich mit den
grundlegenden Standpunkten des christlichen Glaubens bekannt machen,
sich informieren. Vielleicht ist die Ursache dieser ganzen Problematik
ja einfach, dass für die Menschen in Deutschland die Bibel zu einem Buch
mit sieben Siegeln geworden ist.

Natürlich glaube ich nicht, dass jeder, der unseren Glauben versteht,
ihn auch übernimmt (obwohl dies meiner Ansicht nach häufiger passieren könnte).
Jeder, der eine starke Position vertritt, wird leidenschaftliche
Gegner haben. Aber: jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung –
solange damit keine Mitmenschen diskriminiert oder in ihren Freiheiten
eingeschränkt werden. Das gilt dann allerdings für beide Seiten!

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